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Pascal (de)

Blaise Pascal, obwohl genialer Mathematiker, Erfinder einer bahnbrechenden Rechenmaschine, des Barometers sowie erfolgversprechender Wahrscheinlichkeitsrechnungen zur Optimierung des Roulette-Spiels: War es der zunehmende Einfluss seiner religiös fanatischen Schwester oder ein Wagenunfall im Jahre 1654? Jedenfalls steht fest, dass er in der zweiten Hälfte seines sehr kurzen Lebens nicht mehr jener seiner Zeit vorauseilende Mathematiker war, sondern ein sich ins verbissene Philosophieren hineinsteigernder Mensch.

Als Pascal kurz nach seinem 39. Geburtstag 1662 starb, fand man in seinen Mantel eingenähte Schriftstücke, die er immer wieder abgeschrieben, übertragen, in den nächsten Mantel eingenäht hatte – wie einen Schutzschild vor bösen Geistern, sein Memorial, als sein magisches “FEUER” empfunden oder wie die Drachenhornhaut eines Siegfried – nur ein Löchlein wird auch da gewesen sein, irgendwo. Die eingenähten Papiere bezogen sich auf ein – aus psychiatrischer Sicht – psychotisches Erweckungserlebnis in der Nacht vom 23. auf den 24. November 1654 von ungefähr zehneinhalb Uhr abends bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht. Wie der „Blitz“ hatte ihn (im mystischen Sprachgebrauch der damaligen Gesellschaft) die Wahrnehmung eines strengen, alttestamentlichen Gottes getroffen, – was wohl mehr wie eine ab nun dauerhaft eingepflanzte chronische Furcht einzustufen wäre, keinesfalls als eine Harmonie produzierende Erlösung. Den Kutschen-Unfall oder den Einfluss seiner ins Kloster übertretenden Schwester machte er leider nicht nüchtern und lakonisch für seinen 180-Grad Sinneswechsel verantwortlich.

“Ernst genug war nicht einmal Pascal…” schrieb bewundernd Canetti. Dem muss vehement widersprochen werden. Wie weit denn soll man es noch treiben? Seinem existenziellen Schock-Erlebnis nachfolgend zeigte sich bei Pascal ein immer skurriler werdender Versuch, Ernsthaftigkeit zu bewahren und um Gottes Willen nicht mehr zu verflachen: Es begann damit, dass er (wie auch heutige Fundamentalisten) keine Bilder und Tapeten mehr in seinem Zimmer duldete. Anschließend verbot er sich speziell seine Lieblingsspeisen. Nicht mehr zu toppen? Doch: Er konstruierte einen stacheligen Gürtel, den er sich auf die nackte Haut um den Leib legte. “Alles, was ich weiß, ist, dass ich bald sterben muss” – persiflierte er das verblasene Sokratische Suchen, – nunmehr dieses übermäßig zitierte “ich weiß, dass ich nichts weiß” endlich abrupt auf die Füße stellend.

Beharrlich blieb Pascal bei dieser neu eingeschlagenen emotionalen Weichenstellung, ab nun war er nicht mehr bereit, mit sich spaßen zu lassen. Nüchtern konstatierte er: “Wir verbergen und vermummen uns vor uns selbst. Sorglos eilen wir in den Abgrund, nachdem wir etwas vor uns aufgebaut, was uns hindert, ihn zu sehen.” Den Zahn dieser Sorglosigkeit wollte Pascal fortan seinen Mitmenschen ziehen. Er wollte verhindern, dass man stumpf, in dösender Gleichgültigkeit, seine Lebenszeit vertändele. “Nichts stärkt den Skeptizismus mehr als die Tatsache, dass es Menschen gibt, die keine Skeptiker sind…” haut in die nämliche Kerbe.

Pascal setzte sich prinzipiell mit einem grundlegenden anthropologischen Definitionsversuch ernsthaft auseinander – im Horizont seines Zeitalters. Ein Schopenhauer würde später ungestraft texten können: “Der Mensch ist das prügelnde Tier; ihm ist das Prügeln so natürlich wie den reißenden Tieren das Beißen und dem Hornvieh das Stoßen.” So weit war Pascal noch nicht gediehen, in den Babyanzug erst beginnenden skeptischen Denkens provisorisch hineingezwängt.

Aufkommendes naturwissenschaftliches Denken jedoch verleitete auch ihn dazu, phasenweise im Menschen nichts weiter als einen besonders gewitzten Affen zu sehen, theologische Traditionen demgegenüber hatten völlig anderes in die Hirne der Menschen gehämmert. Wie sind solche Positionen, will man nicht in schizophrene Gespaltenheit zerbrechen, bei klarem Verstand zu verarbeiten? Pascal schrieb nieder (und die Identität des genialen Wissenschaftlers irreparabel über Bord werfend, sich zu Füßen seiner religiös-fanatischen Schwester niederkauernd?): “Gefährlich ist es, wenn man den Menschen zu sehr darauf hinweist, dass er den Tieren gleicht, ohne ihm zugleich seine Größe vor Augen zu führen. Noch gefährlicher ist es, wenn man ihm seine Größe ohne seine Niedrigkeit vor Augen führt. Am gefährlichsten ist es, ihn in Unkenntnis über beides zu lassen. Aber sehr nützlich ist, ihm das eine UND das andere darzustellen. Weder darf der Mensch glauben, er gleiche den Tieren, noch gleiche er den Engeln….” und andernorts: “Ich tadele die, die den Menschen preisen, ebenso, wie die, die ihn tadeln, und wie die, die ihn zu zerstreuen trachten; nur die kann ich anerkennen, die stöhnend suchen.”

Blieb bei all diesem stöhnenden Suchen, dabei, den Menschen als einen STERBENDEN zu definieren (in Auflehnung gegen die konfessionellen Theorien des Weiterlebens?) – blieb da noch eine Welt-immanente Rettungsinsel? Ja, die Anerkennung der Zeitgenossen und Weggefährten. “So dünkelhaft sind wir, dass wir wünschen, die ganze Welt möge uns kennen, und so eitel sind wir, dass uns die Achtung von fünf oder sechs Menschen, die uns nahestehen, freut und zufriedenstellt.” Es ist zu hoffen, dass Pascal wenigstens diese 5 oder 6 um sich hatte…

3 Comments »

  1. Didi van Frits's avatar

    Blaise Pascal

    Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:24 | Reply

  2. Didi van Frits's avatar

    per e-mail:
    otto lenk: … Kannst du dich noch an meine Worte bezüglich deines Ruhestandes erinnern? Ich bin froh, dass du nicht “stehen” geblieben, sondern in Ruhe deinen Weg gewählt und gegangen bist…

    blogfrizz: … freut sich, die von pascal gesetzte marge von fünf oder sechs menschen (siehe oben) allmählich überklettern zu können, …

    Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:34 | Reply

  3. Unknown's avatar

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    Pingback by Gegen den Strich gedacht … « on how to philosophize — 2010/01/23 @ 06:26 | Reply


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