frizztext – little essays

Huntington (de)

Das Buch von Huntington ist nach dem schrecklichen Attentat auf das World Trade Center in New York die Grundlage zahlloser Fernseh-Talkrunden geworden. Der Berater des US-Außenministeriums spricht von sogenannten “BRUCHLINIEN-KRIEGEN”, die es zwischen den Kulturen gebe und endlos schwelend geben werde. Als Beispiele führt er unter anderem auch den Golfkrieg und Afghanistan auf – mit gewisser Voraussicht, denn das Buch erschien unter dem Titel “THE CLASH OF CIVILIZATIONS” schon 1996 – im New Yorker Verlag Simon & Schuster. In dem Kapitel “Bruchlinienkriege zum Stillstand bringen” (S. 478ff) schreibt er: “Die Gewalt entlang kultureller Bruchlinien mag eine Zeitlang ganz aufhören, aber sie endet selten für immer.” ….”Diese Probleme werden noch verwickelter, wenn die beteiligten Kulturen keinen Kernstaat haben.” … Hierarchie-gläubiger Schlußsatz dieses wichtigen Kapitels: “Ein Bruchlinienkrieg kocht von unten her hoch, ein Bruchlinienfrieden sickert von oben herab” (S. 491). Man hofft, Huntington weiß mit Sicherheit, wer “oben” ist, und nicht ein anderer unsensibler Huntington-Satz (S. 478) ist der übrigbleibende: “…der Konflikt kann schnell und brutal verschwinden, indem eine Gruppe die andere auslöscht…” Dass kulturelle Verschiedenheit in ein Gleichgewicht der Koexistenz zu bringen wäre, unterstützt vielleicht durch eine fortschreitende besonnene Säkularisierung aller Konfessionen (in denen immer potentiell die Gefahr des Fanatismus lauert) und eine nüchterne Umgestaltung allzu konfessionsverknüpfter Erziehungssysteme – solche Gedankengänge vermißt man leider bei diesem von der Militärperspektive dominierten Politologen…

3 Comments »

  1. Samuel P. Huntington

    Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:15 | Reply

  2. per e-mail:
    A
    ursula winter: … so I translated a bit from your section about Sam Huntington to us because we have read some of his articles. We don’t agree with him. We think he exaggerates the extent to which cultural spheres are discrete entities. Also, his assertion that humanity is divisible into various civilizations seems simple enough. But because he goes so far as to say that these different civilizations cannot understand each other’s morality or values seems a little dangerous. Mostly because it encourages different groups of people to not see other as equals…
    B
    melanie sherman: … books on demand: denke nicht, dass es etwas dergleichen hier in usa gibt… es sei denn vielleicht fuer rein religioese zwecke… z.bsp. gibt es bestimmt etwas fuer “christian books” … *lach*… [korrektur on march, 11th: Book on Demand gibt es uebrigens doch hier – und vielleicht schaffe ich es auch irgendwann mal, dein buch sinngemaess zu uebersetzen :) ]
    C
    manfred kaiser: bei den häufigen verweisen auf den 11.september 2001 scheinen mir die philosophischen kommentare zu viele verzerrende blinde flecke gegenüber der sozialen realität aufzuweisen; denn die “koalition gegen den terror ist zum scheitern verurteilt, weil es keine (beharrliche) koalition gegen den hunger gibt” (jean ziegler, der spiegel 2002, s.58)…
    D
    frank semper: manchen Zeitgenossen hätte ein anderer Autor sicherlich unter den Tisch fallen lassen (wie Huntington mit seiner “Bruchlinienkriege-Theorie”, der wohl nicht als klassischer Philosoph zu bezeichnen ist und der wohl wegen der Geschehnisse um den 11. September 2001 aus aktuellem Anlass nachnominiert wurde.)
    E, 1
    klaus prinz: …ein die politische Weisheit Suchender, der sie allerdings bislang nicht fand. Vielleicht lag das an seinen Mitteln, denn er suchte sie so wie ein Pädagoge, der glaubt, man müsse ein Kind nur lange genug prügeln, bis es irgendwann quasi experimentell die Persönlichkeit ausbilde, die man von ihm erwarte. Harald Müller, Professor für Internationale Beziehungen an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M. und Mitglied der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, sah sich denn auch genötigt, in Buchform auf die theoretischen und handwerklichen Schwächen der Argumentation Samuel P. Huntingtons einzugehen. Ach ja, dieser Huntington war lange Zeit außenpolitischer Berater der US-Regierung, als er noch Zeit dazu hatte und nicht täglich in Talkshows auftreten musste.
    E, 2
    klaus prinz: Huntington als Philosoph? Der sich beharrlich der Einsicht der Ringparabel widersetzt, weil er sie vermutlich nicht kennt oder verstanden hat? Oder sollte man bei diesem Suchenden eher die neue Schreibweise “Filsosof” verwenden, dessen Thesen mindestens so befremdlich sind wie diese Schreibweise. Vielleicht sollte man auch den Leviathan ins Amerikanische übersetzen, denn dieser Autor scheint in Amerika völlig unbekannt zu sein. Dass Kriege das größte vermeidbare Übel der Menschheit darstellen, hat Thomas Hobbes schon vor über 350 Jahren hinlänglich bewiesen.

    Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:11 | Reply

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    Pingback by Gegen den Strich gedacht … « on how to philosophize — 2010/01/23 @ 06:26 | Reply


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