Beharrlich war Montaigne, aber nicht als ein sich selbst plagender Angstgeist wie der arme Kierkegaard, sondern als in Zuversicht sich dem Leben zuwendender Mensch. Sein mutiges Ziel, – es hatte wohl etwas Erfrischendes, Aufbruchartiges für ihn und seine Leser -, sein mutiges Ziel war die Überwindung des schablonierten mittelalterlichen Weltbildes, in welchem der Mensch eine von kirchlichen und staatstreuen Ideologien fast marionettenhaft zugewiesene Rolle hatte, hin zu einer das Individuelle endlich wahrnehmenden, anthropozentrischen Sicht.
Montaignes Programm bestand in einem beharrlichen, entdeckenden Hinabtauchen in sich selbst – und dem fast gemütlichen Beschreiben seiner Forschungsreisen. “Jeder, der in sich hineinhorcht, entdeckt in sich eine eigene Form. Alles, was zu dieser nicht passt, versucht man abzuwehren.” Zum Schreibstil bemerkt Canetti: “An Montaigne ist am schönsten, dass er sich nicht beeilt.”
Michel de Montaigne war als Siebzehnjähriger nach Paris geritten, hatte dort seine humanistische Ausbildung vervollständigt, wichtige Beziehungen geknüpft, notorisch mit Prostituierten verkehrt und einen teil des Familienvermögens verpraßt, bis der Vater die Notbremse zog und ihn zurück nach Bordeaux beorderte, wo er eine langweilige Stelle beim Gericht antreten mußte: Etwas reichlich spekulativ versuchte der Biograph LACOUTURE diesbezüglich unserem Montaigne auf die Spur zu kommen.
Historisch gesicherter ist Montaignes politische Identität: Das Frankreich seiner Zeit war zerrissen, die Glaubensspaltung eskalierte in der Bartholomäusnacht am 24. August 1572, Massaker in vielen Städten folgten, auch in Montaignes Bordeaux. Er stand der Stadt als Bürgermeister, vor allem in der zweiten Amtszeit 1583-85, als ein geschickter Taktierer zur verfügung, der den Intrigen der im Religionskampf gegeneinander aufgeheizten Parteien geschickt abbremsend zu begegnen wußte.
Seine der Zeit voraneilende “Ideologie-freie” Position und Erkenntnisabsicht war entstanden in ausgedehnten Studien der klassischen Philosophen – und in einem daraufhin dieser Lektüre diametral entgegengesetzten literarischen Versuch, eine eigene individualistische Art des Denkens und Schreibens zu begründen: das präzise Selbstbetrachten nämlich, das, ohne sich von sozialen Vorschriften lähmen zu lassen, zu unverstelltem Wissen über den Menschen (am Selbstbeispiel) vorzudringen sucht.
Im ersten Kapitel seines zweiten Buches unter dem Titel “Über die Wechselhaftigkeit unseres Handelns” schreibt er, spiralförmig in sich selbst hineinhorchend:
“…alle Widersprüche finden sich bei mir in irgendeiner den Umständen folgenden Form. Schamhaft und unverschämt, keusch und geil, schwatzhaft und schweigsam, zupackend und zögerlich, gescheit und dumm, mürrisch und leutselig, verlogen und aufrichtig, gebildet und ungebildet, freigebig und geizig und verschwenderisch – von allem sehe ich etwas in mir, je nach dem, wie ich mich drehe; und wer immer sich aufmerksam prüft, entdeckt in seinem Innern dieselbe Wandelbarkeit und Widersprüchlichkeit,… wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, daß jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will; daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den andern”.
Das hat Montaigne erstaunlicherweise 400 Jahre früher gesagt als die heutigen Vertreter der differentiellen Psychologie und Persönlichkeitsforschung, die mit ihren Theorien über multiphrene Identitätsstrukturen zu ähnlichen Ergebnissen kommen!
Germanistisch analysiert: Montaigne gelingt es durch die von ihm begründete literarische Form des Essays, im Schreiben selber unaufhörlich die Perspektiven zu verschieben und alles unter wechselnde Belichtungen zu rücken, wobei keine zur endgültigen wird. Mit seiner Methode der Vorläufigkeit und des Offenlassens hält er sich frei im schwebenden Vermuten, das im Tanz der Sichtwechsel kreist. Die Vielheit und Wandelbarkeit des Seins, vor allem des Menschen selbst, ist mit dieser Methode besser darstellbar als die damals allzu verbreiteten zwanghaften Moral-Traktätchen der Religionsphilosophen.
Montaigne: “Ich trage keine Glaubenssätze, sondern unverbindliche Meinungen vor, über die man nachdenken soll. Wie Kinder ihre Versuche hinzeigen: Sie wollen daran lernen, nicht andere damit belehren.”
Das skeptische, dem weiterfragenden Dialog offenbleibende Denken Montaignes haben unter anderem aufgegriffen Diderot, Lichtenberg oder Nietzsche. Seine Schreibmethode hat die Essayistik begründet, den Feuilletonismus ermöglicht – und die Psychologie ermutigt…



Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:21 |
kommentare, per e-mail:
A
barbara: …am meisten könnt´ich mich übrigens identifizieren mit montaigne…
B
jens dechering aus leipzig, http://www.virtusens.de: Wo man den Frizzkosmos betritt, ob bei Nietzsche oder Machiavelli, Pascal, Kierkegaard oder Montaigne, – das ist nun wirklich egal, Hauptsache man findet dereinst dahin und hat — einen Favoriten mehr!
C
margarete: Montaigne schreibt ” über die Wechselhaftigkeit des Handelns”: ” alle widersprüche finden sich bei mir in irgendeiner den umständen folgenden form. schamhaft und unverschämt, keusch und geil, schwatzhaft und schweigsam, zupackend und zögerlich usw.-von allem sehe ich etwas in mir, je nach dem wie ich mich drehe, und wer immer sich aufmerksam prüft, entdeckt in seinem innern dieselbe wandelbarkeit und widersprüchlichkeit…” auch aus deinem Buch ” die Beharrlichkeit…”
Viele versuchten Sprache in eine logische und eindeutig interpretierbare Sprache umzusetzen, aber es ist bis heute nicht gelungen, und wird meines Erachtens auch immer scheitern, weil Menschen nicht logisch handeln. Gewiß lässt sich in manchen Fällen eine Kausalkette ausmachen, eine sogenannte logische Folge der Handlungen, und plötzlich kommt der bekannte weiße Rabe, der alles vorherige zu Nichte macht, im Guten wie im Bösen. In einer Philosophie die einer Wahrheitsfindung dient ist eine logische Sprache von größter Bedeutung, aber welche Bedeutung besitzt Wahrheit für den Menschen? Eine existentielle Wahrheit?
Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:22 |
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