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Kierkegaard (de)

Der Vater des Existentialismus, Sören Kierkegaard, hatte gefordert (seinerseits an Sokrates zurückerinnernd), es doch unbedingt auch einmal mit Ironie zu versuchen. Kierkegaard experimentierte damit, ein erheblich mehr individualisiertes Lebenskonzept zu verwirklichen als es damals unter dem Horizont orthodoxer Frömmigkeit oder braver Staatsloyalität oder ehelicher Treue denkbar schien. Er benutzte sowohl die Form des philosophischen Essays als auch ausgedehnte literarische Exkurse sowie riskante Vermengungen mit seiner realen Lebenswirklichkeit, um sein Gedankengebäude voranzutreiben.

Es wird kolportiert, Kierkegaard hätte einen dänischen Pfarrer bewundert, der seiner etwas zu emphatisch gefühlsbewegten Gemeinde zugerufen habe: “Weint nicht liebe Kinder, – es könnte doch auch alles gelogen sein!”

Dies ist Kierkegaards typische Methode der ironischen Haltung, ein Verfahren, sich wirksam vom umgebenden sozialen Milieu zu distanzieren.

Die Dissertation des berühmten dänischen Philosophen trug den Titel “Über den Begriff der Ironie – mit ständigem Hinsehen auf Sokrates”, bzw. nein, den Titel hatte sie nicht, sondern: “Om Begrebet Ironi med stadigt Hensyn til Socrates…” Die XV. und letzte These seiner vor den Universitätsgremien abzuleistenden Disputation lautete: “Ut a dubitatione philosophia, sic ab ironia vita digna, quae humana vocetur, incipit.” Für uns Deutsche:

“Ebenso wie die Philosophie mit dem Zweifel, ebenso beginnt ein Leben, das menschenwürdig genannt werden kann, mit der Ironie.”

Französische Philosophen wie Jacques Derrida und andere Dekonstruktivisten haben Kierkegaard zu ih-rem Lieblingsphilosophen erkoren. Formaler, hölzerner Denk- und Schreibstil war für Kierkegaard eine Grässlichkeit, ob er nun durch eine christlich-konservative Predigt stelzt oder sich in staatlichen Erlassen selbstgefällig gebärdet oder unter Universitätstalaren hervorstaubt – wie zum Beispiel bei Georg W.F. Hegel. Kierkegaard, der in Berlin dessen philosophische Vorlesungen besuchte, hasste es zum “Hegelianischen Idioten” zu degenerieren – wie wohl manch einer seiner Mitstudenten. Er resümierte:

“Eine leidenschaftliche, tumultartige Zeit wird alles über den Haufen werfen. Eine reflektierende Zeit aber verwandelt die Kraftäußerung in ein dialektisches Kunststück: alles bestehen zu lassen, aber allem hinterlistig seine Bedeutung zu entziehen.”

Erst im 20. Jahrhundert entpuppte sich wirklich unübersehbar deutlich das menschenverachtende Element der großen Denksysteme. Ob Marxismus oder Nationalsozialismus, es schien geraten, eher dem einzelnen zu trauen als den indoktrinierten Massen und ihrem degenerierten Gehabe. Natürlich war es im-mer Ziel einer politischen Kaste, jedes einzelne Er-kenntnisbemühen als gemeinschaftsfeindlich zu diskriminieren, ja zu kriminalisieren. Systemgegner hatten wenig zu lachen, wie in allen Zeiten, unter Stalin oder Hitler allerdings ganz besonders.

100 Jahre bereits vor solchen katastrophalen Stabilisierungen falschen Denkens warnte Kierkegaard vor Fehlentwicklungen. Er vermittelte den Gebildeten und Lesefähigen das Selbstbewusstsein, ein Recht zu besitzen darauf, öffentliche Vorgänge stets einer individuellen, intrapersonalen Zensur-Instanz vorlegen zu dürfen – und die Ergebnisse, allen bedrohlichen und einschüchternden Vorschriften von “Political Correctness” zum Trotz, auch unbeirrt vorzutragen.

Diese Form von Extrem-Individualismus, so nützlich sie sein mag, sie behinderte andererseits wohl bei Sören K. die Ausformung eines zufriedenstellenden sexuellen Verhaltensspektrums. Er wurde seine Angst nicht los, eventuell erstickend sich zu verheddern in der Beziehung zu seiner langjährigen Verlobten Regine Olsen. Die gab schließlich irgendwann entnervt auf und suchte sich einen anderen.

Ersatzweise vertiefte sich Kierkegaard gern und allzu oft in die Lektüre des “Don Juan” und schuf dem-entsprechend gefärbt sein Hauptwerk “Entweder – Oder” (Hü oder Hott). Besuchte Kierkegaard Pro-stituierte? Biographen wie Joakim Garff, Professor am “Sören Kierkegaard Forschungszentrum” an der Universität von Kopenhagen, müssen sich leider diesbezüglich auch nur mit Spekulationen zufrieden geben.

Kierkegaards Vater war ein vom Alten Testament fundamental beeinflusster Streng-Christ. Offensichtlich etwas zu häufig labte er sich vor seinem Sohn darin, Sünde und Erbschuld, Gehorsam und Strafe darzustellen. In seiner Publikation über das “Konzept Angst” begrüßt Kierkegaard jedoch dieses Gefühl als krea-tives, Freiheit erzeugendes Element in jeder mensch-lichen Existenz.

Keine wirkliche Unabhängigkeit ohne das begleitende, verunsichernde Gefühl, womöglich doch alles falsch anzufassen. Die Angst, bestraft zu werden, ist die nicht zu umgehende Basis des freien Willens und des Mutes, dennoch Entscheidungen zu treffen. Nicht nur moderne Psychologen haben das zu vermitteln, wenn sie die Kraft voranzugehen an depressive Patienten weitergeben wollen; in der Geschichte der Philosophie mühte sich besonders Nietzsche damit ab (sich ebenfalls gegen Hegel wendend), ein vergleichbar individuelles Mut-Niveau wie Kierkegaard zu erklettern – und überstieg es eventuell sogar in seiner “Genealogie der Moral”. Auch er, riskant mit dem Konstrukt eines Übermenschen herumfuchtelnd, verließ schnöde den sicheren Boden des eingeführten Christentums.

Sein Horror vor der zwingenden, immer mehr vom Journalismus multiplizierten Gleichmacherei allen Urteilens, – dieser Schrecken zeigte sich in Formulierungen wie: “Die Menge ist die Unwahrheit…” “An die Kategorie DER EINZELNE ist meine etwaige Bedeutung geknüpft. Ich erkannte es als meine Aufgabe, darauf aufmerksam zu machen.”

Kierkegaard hatte in der Tat (zutreffender: mit spöttischer Tatenlosigkeit) den Mut, sich zurückwerfen zu lassen auf ein höchst subjektives, von nicht viel Außenbeifall begleitetes, einsames Urteilen. Auf der Rückseite dieser Medaille spielten sich nervöse Zänkereien zwischen Kierkegaard und der örtlichen Presse, dem Kopenhagener “Korsar”, seinen damaligen Kolumnisten und Karikaturisten, ab. Was könnte man hierzu Ironisches beitragen? Kierkegaard vermerkte:

“Wie vielleicht manche Sache verloren ging, weil der Beistand der Welt ausblieb, so wurde auch manche Sache verdorben, weil die Welt (nämlich Hinz und Kunz, FrizzText) mithelfen durfte.”

Kierkegaard starb mit 42 Jahren, fiel tot auf der Straße um, exakt in dem Moment, als das vom Vater ererbte Geld aufgebraucht war.

Was lernen wir zumindest von diesem großen Denker?
1. Man soll hinterlistig und ironisch allem und jedem die Bedeutsamkeit entziehen.
2. Man soll sich auf die Straße hinlegen zum Sterben, wenn das Erbe des Vaters aufgebraucht ist.

5 Comments »

  1. Kierkegaard

    Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:18 | Reply

  2. per e-mail:
    A
    anne von blomberg: …Muss “jedes tiefgreifende reflektieren bei grundsätzlicher furcht ankommen”? meiner meinung nach nicht. es kann auch zu reiner freude führen, aber sätze wie diese haken sich im gedächtnis fest und fordern zumindest neues nachdenken über die eigenen überzeugungen. Sie regen an zur “beharrlichkeit”,…
    B
    virtusens: “Kluge Kierkegaard-Seite …” [zur überraschung von frizztext gefunden in der link-liste von http://www.kierkegaard.de

    Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:15 | Reply

  3. […] blogfrizz.wordpress.com/jaspers-de/ blogfrizz.wordpress.com/kant-de/ blogfrizz.wordpress.com/kierkegaard-de/ blogfrizz.wordpress.com/lichtenberg-de/ blogfrizz.wordpress.com/machiavelli-de/ […]

    Pingback by Gegen den Strich gedacht … « on how to philosophize — 2010/01/23 @ 06:26 | Reply

  4. […] Kierkegaard’s Angst (blogfrizz, German) […]

    Pingback by Angst « Flickr Comments — 2011/01/09 @ 13:36 | Reply

  5. […] alles bestehen zu lassen, aber allem hinterlistig seine Bedeutung zu entziehen.” weiterlesen bei https://blogfrizz.wordpress.com/kierkegaard-de/ […]

    Pingback by Reflecting Time Will Come « Flickr Comments — 2011/02/17 @ 09:39 | Reply


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