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Wittgenstein (de)

“Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen, die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht, oder eine Sprache, die nur aus Fragen besteht und einem Ausdruck der Bejahung und Verneinung. Und unzählige andere. Eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen.” Wittgenstein wird weniger nach seinem ersten Werk als Logiker sondern vielmehr entsprechend seiner zweiten Arbeitsphase als Sprachphilosoph einsortiert. Einer, der auf etwas masochistische Weise philosophische Einflussnahme sehr relativierte. “Wenn man etwa Spinoza oder Kant Glauben schenkt, gerät man in Widerspruch mit seinem religiösen Glauben. Wenn man mir Glauben schenkt, geschieht nichts derartiges.” Der ursprüngliche Förderer Wittgensteins, Russel, war tief enttäuscht von solch einer hyper-neutralistischen Position, die dem Anspruch ernsten Philosophierens regelrecht in den Rücken fiel. Masochistische Entscheidungen kann man in Wittgensteins Biographie viele ausmachen. 1919 teilte er sein nicht unbeträchtliches Vermögen (allein die jährlichen Zinserträge beliefen sich auf 327.000 Euro) an seine Geschwister auf, ergriff selber den Beruf eines Dorfvolksschullehrers und arbeitete, als er in diesem Beruf scheiterte, als Hilfskraft in einem österreichischen Klostergarten. Der amerikanische Philosophie-Professor William W. Bartley III machte denn auch in seiner Wittgenstein-Biographie einzig eine homosexuelle Ausstrahlungskraft auf die Cambridger Universitätselite für Wittgensteins Vorankommen innerhalb der dortigen akademischen Hierarchie verantwortlich. Natürlich haben die Verwandten und Nachlassverwalter empört und mit Androhung von Zivilklagen darauf reagiert. Womit man, um wie Wittgenstein zu kommentieren, vom philosophischen über das psychoanalytische ins juristische “Sprachspiel” hinüber gewandert wäre. und keine Sprachregion hätte, so Wittgensteins Theorie, das Recht, über die andere zu Gericht zu sitzen – sie müssten unzensierbar nebeneinander bestehen bleiben. Am meisten Verpflichtung zum Schweigen habe allerdings die Philosophie, weil sie am wenigsten mit Sicherheit feststellen könne. Kein Wunder, dass sich Wittgenstein bei Philosophen auch heute noch keiner großen Beliebtheit erfreut…

10 Comments »

  1. Ludwig Wittgenstein

    Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:29 | Reply

  2. per e-mail:
    A
    margarete: Ich schließe mich der Beharrlichkeit Wittgensteins nicht an: “wenn man etwa spinoza oder kant glauben schenkt, gerät man in widerspruch mit seinem religiösen glauben. wenn man mir glauben schenkt, geschieht nichts derartiges….”
    Er war ein Meister des analytischen Denkens, war Zeit seines Lebens nicht glücklich, und ließ erst auf seinem Totenbett ausrichten, dass er doch ein glückliches Leben führte …. Ein Meister seiner Vorstellungen?
    B
    marvin chlada [bei amazon]:… führt uns der Autor durch die Weltbilder der Denker und Kritiker, immer an jenem Schnittpunkt entlang, wo sich deren Leben und Werk treffen und und mitunter vor unangehme Konsequenzen stellte. Von Bruno, der auf Befehl des Papstes sein Leben lassen musste, weil er, anders als später Galileo, eben nicht klein bei gab, bis hin zu Einstein, dessen Humanismus ihn zwang, angesichts der Schrecken des Faschismus, die Amerikaner zur Entwicklung der Atombombe zu drängen. Was Fritzes Werk so wertvoll macht, ist freilch nicht allein die Erinnerung an folgeschwere Entscheidungen, welche die Denker in extremen Situationen zu treffen “bereit” waren, sondern die Erinnerung an die weniger bekannten Details, die gleichsam die menschliche Seite der ausgesuchten Portrais in ein neues Licht zu stellen vermögen (hier insb. Wittgenstein und Winkelmann im Umgang mit ihrer Homosexualität).

    Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:03 | Reply

  3. Anwendung Wittgenstein-scher Einsichten in weiteren FrizzTexten:
    MAUERGEWINNER, frizztext für amazon
    “Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen, die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht, oder eine Sprache, die nur aus Fragen besteht und einem Ausdruck der Bejahung und Verneinung. Und unzählige andere. Eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen…” schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951).

    Ein auffälliges Phänomen bezüglich der zusammen wachsenden Teile Deutschlands (für Sprachphilosophen) ist das Abdriften der Beschreibungssysteme in kuriose Gewässer mit Untiefen. Von den Selbstbeweihräucherungen des Kanzlers der Einheit und den Parolen auf den Straßen in Leipzig 1989, von den Merkel’schen Tricks, “Deutungshoheit” zu erlangen bis zu den Tandem-Tänzen von Gysi und Lafontaine, vom Lamentieren der “Zonenkinder” bis hin zur Kaltschnäuzigkeit der Ex-Treuhand-Chefin: mancher Leser (und Denker) muss sich (Ideologie-argwöhnisch) fragen, wo denn eigentlich die Wirklichkeit nun festzumachen sei.

    Mark Scheppert demonstriert mit seinem Buch MAUERGEWINNER eine Eulenspiegelhafte Variante dieses scheinbar närrischen deutsch-deutschen Wetteiferns. Im Horizont der von ihm beschriebenen 18 Jahre VOR dem Mauerfall kommt wenig Schorlemmerei vor, schon gar nicht ein sich im Westen abmühender Udo Lindenberg (Sonderzug nach Pankow), nicht einmal Willy Brandt – allerdings Schalck-Golodkowsky, Jan Ullrich, Franziska von Almsick.

    Zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor aufgewachsen, beschreibt Mark Scheppert Kindheits- und Jugend-Erlebnisse, wie ich sie, parallel im Westen aufgewachsen, auch berichten könnte: Ärger über die Beschränktheiten der eigenen Familie, klammheimliche Schadenfreude beim Erinnern manch jugendlicher Risikobereitschaft, Ernüchtertsein beim Beschreiben bestimmter, trauriger Berufssituationen: die besondere Leistung: Den Autor verlässt in allen seinen 30 Anekdoten, Glossen, Possen-Spielchen niemals der Grundton fröhlichen Spotts.

    Keiner, der mit dem Kopf blindlings durch die Mauer hätte rennen wollen! Eher einer, der einen riesigen Ost-Berliner Bären aus einem Warenhaus klaut und ihn spöttisch in einen S-Bahn-Zug Richtung Westen setzt, damit er mal was erleben kann – oder der jenen Todesstreifen-Überquerungs-Möwen einen Zettel an den Flügel hakt mit der Aufschrift: “Ich bin aus Ost-Berlin. Bitte helfen Sie mir!”

    Das wussten die Philosophen von Sokrates über Kierkegaard bis Adorno allerdings auch immer schon: Ironie ist eine sehr ertragreiche Methode – und bei allen Machthabern, egal in welcher Partei, immer höchst verdächtig…

    Comment by frizztext — 2010/01/21 @ 14:49 | Reply

  4. weiteres zum Thema D.D.R. auf meiner Seite über BLOCH

    Pingback by Gegen den Strich gedacht … « on how to philosophize — 2010/01/23 @ 06:27 | Reply

  5. a tribute to Jaron Lanier:
    +
    Ja, Facebook oder Twitter, Flickr oder Myspace sind meistenteils zu flach, youtube klaut den Musikern den Profit, in Foren tummelt sich manchmal eine miese Meute, höhnisch die Anonymität ausnutzend. Aber das Web 2.0 hat auch seine guten Seiten. Das weiß auch sein Mitbegründer Jaron Lanier. Zunächst hat es uns aus der Passivität des Fernseh-Konsums befreit. Mit Wikipedia ist ein sehr brauchbares Gemeinschaftswerk entstanden: Allerdings zeigt so ein digitaler Lexikon-Klotz nicht gerade die persönliche Handschrift eines Literaten oder Philosophen. So betont Lanier, dass es charakteristisch für kreative Menschen ist, sich einmal eine Weile zurückzuziehen, um in der gewonnenen Konzentration neue Projekte zu ersinnen. Sie können sich also nicht hetzen lassen von Quantitäts-Anforderungen oder von der ständig geforderten Präsenz, die den Platzerhalt sichert auf den vorderen Seiten von google oder ähnlichen Suchmaschinen. Da hat er mal wieder recht. Die zur Zeit bestehende Technologie ermöglicht anonyme Lynchjustiz in Foren (andere aber haben mittlerweile Moderatoren eingebaut, die das begrenzen). Das Prinzip, dass der jeweils neueste Eintrag zählt, verführt zur verflachenden Überproduktion. Es gibt aber auch Webseiten-Programmierungen, die den Vorrang der Chronologie aushebeln und nach anderen Kriterien sortieren. Es geht also darum, die Würde des schöpferischen, individuellen Menschen nicht unter die Räder der geschaffenen Betriebsamkeit kommen zu lassen. Was als epochale Chance begann, soll die Gesellschaften nicht in die Verdummung zerren. Ich denke, das kriegen wir schon hin, es sind genügend im Web 2.0 unterwegs, die mit Nachdenklichkeit zu Werke gehen – und sich zum Beispiel dieses Buch zu Herzen nehmen.
    +
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    Comment by frizztext — 2010/01/30 @ 09:28 | Reply

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