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Spinoza (de)

Spinoza hat wie ein niederländischer Voltaire mit seinem Schreiben für die Einführung der Neuzeit gekämpft – in einem noch stärkstens von Religionen und diktatorischen Gemütern beherrschten Land.

Amsterdam war zu Lebzeiten Spinozas zwar wohl die lebendigste, freieste und vielleicht erste wirklich multikulturelle Großstadt Europas – die wahrhaftige Mutter Nieuw Amsterdams / New Yorks. So frei allerdings, dass man ungestraft philosophieren konnte, wohin einen der Gedanke nur trieb – so frei war Amsterdam damals noch nicht.

Viele der notgedrungen heimlichen Unterstützer Spinozas (Verleger, Buchhändler, Schreibende) landeten im Gefängnis oder in der Verbannung. Am krassesten erging es den Brüdern Johan und Cornelis de Witt, die am stabilsten für Spinozas materielle und juristische Unterstützung gesorgt hatten: Ein aufgebrachter Pöbel aus Monarchisten und Calvinisten holte sie aus dem Gefängnis und vollzog ein Lynch-Gericht im damaligen Stil: Man zerfleischte die Körper und hielt voller Triumph ein herausgerissenes Herz in die Höhe. Eine basisdemokratische Abart aztekischer Sitten. Die Aristokratie sah in Kutschen sitzend genüsslich zu. Nur mit Mühe konnte Spinoza von seinen Betreuern davon abgehalten werden, anderntags am Tatort ein Schreiben aufzuhängen mit der Überschrift “Ultimi barbarorum” (allerletzte Barbaren, ihr!).

Spinozas Familie, jüdisch, war der Zwangskatholisierung in Spanien entflohen – Richtung Stadtstaat Amsterdam. Spinozas erste Denkergebnisse, welche die Bibel als historische Schriftensammlung verschiedener Menschen ansah (also keineswegs als von Gott verfasst), – diese 300 Jahre später die Theologie Bultmanns noch sehr inspirierenden Einsichten, – sie brachten ihm den unerbittlichen Bannspruch seiner eigenen jüdischen Gemeinde ein:

“Nach dem Urteil der Engel und der Aussage der Heiligen verbannen, verfluchen, verwünschen und verdammen wir Baruch de Spinoza. Hütet euch: dass niemand mündlich noch schriftlich mit ihm verkehre, niemand ihm die geringste Gunst erweise, niemand eine von ihm gemachte oder geschriebene Schrift lese…”

Wie eine frühe Vorstufe der Amsterdamerin Anne Frank versteckte sich Spinoza fortan zumeist in kleinen Grabkammern von Zimmern, verlor den Reichtum seines Familiengeschäftes, wurde von Freunden heimlich unterstützt, verdiente sich sein Zubrot durch Schleifen optischer Gläser [frühe Todesursache: Glas-Staub in der Lunge] – und schrieb beharrlich und lästig weiter, von der Richtigkeit seines Denkens überzeugt, – allerdings anonym. Wie ein Giordano Bruno in Rom wollte er nicht enden. Spinoza war vom Pantheismus Giordano Brunos fasziniert und definierte, seine Thesen ausbauend, Gott als in aller Natur (und in jedem Menschen) waltende Kraft.

Weder die damaligen Juden noch die Christen waren bereit, solcherlei gedankliche Änderungen in ihr Weltbild aufzunehmen oder dergleichen wenigstens zu tolerieren. Eine Großstadt ist – heute wie damals – gekennzeichnet durch die Ungleichzeitigkeit der auf verschiedenen Entwicklungsstufen stehenden soziologischen Teilstücke. Das aristokratische, bürgerliche, intellektuelle, belesene Lager, welches mit Spinoza sympathisierte, war schon auf einem anderen Entwicklungsstand als die dogmatischen Konfessionsapparate jüdischer oder calvinistischer Prägung.

Da Spinoza sich, von Hobbes inspiriert, auch an die Formulierung demokratischer Staatsideen heranwagte, geriet er unverzüglich auch in Konflikt mit der herrschenden Oranier-Sippschaft. Der ungebildete Pöbel, von Predigern wie von Prinzen zu Marionetten gemacht, war durch die sensiblen Überlegungen Spinozas, man möge sich doch von allzu großer Affekt-Stärke tunlichst fernhalten, nicht sehr abbremsbar.

Für Spinozas Beharrlichkeit müssten wir uns, wenn wir es denn könnten, zutiefst bei ihm bedanken. Durch ihn geschult, könnte unser Verstand zügiger die restlichen Wurmfortsätze seines Jahrhunderts auch in unserem gegenwärtigen Zeitalter schneller identifizieren: New York, das legale Kind Amsterdams, wurde am 11. September 2001, scheinbar fern von jedem Religionskrieg, zum Zielpunkt islamistischer Indoktrination, welche genau weiß, wie auch heute noch Marionetten mit ultimativem Barbarismus in Gang zu bringen sind – nur technologisch ist man nun erheblich besser ausgerüstet als die marodierenden Horden des Mittelalters…

Trotz all seiner Beharrlichkeit ist Spinoza jedoch schon fast in Vergessenheit geraten – über die Grenzen Hollands wurde sein Denkgebäude kaum hinaustransportiert. In islamische Länder scheinbar überhaupt nicht. Wer überhaupt von den westeuropäischen Philosophen? Die Macht der Religionsversprechungen auf ein ruhmvolles Jenseits als Belohnung für Kamikaze-Heroismus hat alle Jahrhunderte allerdings unangekratzt überstanden und – diese Macht expandiert, eskaliert…

6 Comments »

  1. Spinoza

    Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:27 | Reply

  2. per e-mail:
    A
    kirstin zeyer: Ich habe gebrüllt vor Lachen über den Einfallsreichtum und die sprachlichen Finessen: SPINOZA zum Beispiel – “[…] ein aufgebrachter pöbel aus monarchisten und calvinisten holte sie aus dem gefängnis und vollzog ein lynchgericht im damaligen stil: man zerfleischte die körper und hielt voller triumph ein herausgerissenes herz in die höhe. eine basisdemokratische abart aztekischer sitten.” Bei der basisdemokratischen abart aztekischer sitten war es endgültig um mich geschehen: ich habe fast Tränen gelacht!!!!
    B
    klaus prinz: Spinoza war beharrlich und stellte seine Gedanken über sein eigenes Wohlergehen. Ein solides auskömmliches Leben vor Augen, blieb er dennoch bei seinen Zweifeln und wurde von seinen Glaubensgenossen mit Schimpf und Schande aus dem toleranten Amsterdam gejagt. In Den Haag verdiente er seinen Lebensunterhalt als Linsenschleifer und zerstörte sich mit dem Glasstaub die Lunge, während er seine großen Werke schrieb. Man muss sich nur sein berühmtes Porträt anschauen, um angesichts der darin liegenden Melancholie die Tragödie dieses Menschen zu erfassen.

    Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:05 | Reply

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    Pingback by Gegen den Strich gedacht … « on how to philosophize — 2010/01/23 @ 06:27 | Reply

  4. da gibt es in Den Haag übrigens neben dem Wohnhaus von Spinoza ein SPINOZA-Restaurant (türkisch) – ob er da wohl gegessen hätte?
    TURKISH RESTAURANT SPINOZA
    dank je wel for the photo: Akbar Simonse …

    Comment by frizztext — 2010/01/23 @ 07:48 | Reply

  5. Akbar Simonse per e-mail: The street (in The Hague / Den Haag – where one can find the SPINOZA restaurant) is called Paviljoensgracht but since a few months it’s almost impossible to drive through the city center by car. Fortunately there’re some parking garages near by. One at the Lutherse Burgwal and one at the Amsterdamse Veerkade. I’ve never been in the restaurant but we can have a look and of course I can also show you Spinoza’s house, his statue and his grave behind the Nieuwe Kerk. There’s also a monument for him in Amsterdam…

    Comment by frizztext — 2010/01/23 @ 08:09 | Reply

  6. […] https://blogfrizz.wordpress.com/spinoza-de/ + Spinoza hat wie ein niederländischer Voltaire mit seinem Schreiben für die Einführung der […]

    Pingback by Spinoza « Flickr Comments — 2011/01/29 @ 11:10 | Reply


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