Es ist komisch, dass Religion und Verbrennen in der Geschichte der Menschheit häufig so nah beieinander liegen. Seien es momentan die Attentate islamistischer Fundamentalisten in New York, London, Madrid und anderswo, oder seien es die Million Menschen, die der Inquisition der katholischen Kirche im Mittelalter zum Opfer fielen. Giordano Bruno war einer der berühmtesten Leidtragenden. Weil er das Ptolomäische Weltbild einer Erde, um welche alles kreist, in Frage stellte und es zu ersetzen suchte durch die (aus heutiger Sicht) plausibel vorgetragene Theorie von einer Welt aus lauter sich selbst bewegenden Sonnensystemen, in der es keine hierarchische Ordnung gibt, – deshalb musste er immer rabiatere Versuche hinnehmen, welche seine Folgsamkeit erzwingen wollten. Scheinbar unbelehrbar stufte er die Materie nicht als von Gott gelenkte passive Nichtigkeit ein, sondern als aktive, sich selbst gestaltende Substanz. Die Lehren des Vatikans vom Sündenfall und von der Vorherbestimmtheit des Schicksals wies Giordano Bruno als lebensfremd zurück. “Die allgemeine Meinung ist nicht immer die wahrste…” wird er noch heute gern zitiert. Solcherlei Äußerungen sind ihm teuer zu stehen gekommen: Am 17. Februar 1600 wurde er auf dem Campo di Fiori in Rom nach acht Jahren Folter und Kerkerhaft öffentlich verbrannt. Hunderte von Jahren schien die Anzünderei von Ungläubigen die Hauptaufgabe der christlichen Konfession zu sein. Man gibt sich allerdings heute allmählich etwas reumütig: Am 18. Februar 2000 drückte Kardinal Angelo Sodano, der Staatssekretär des Vatikans, laut ZENIT NEWS AGENCY das “tiefe Bedauern” der katholischen Kirche über das Todesurteil aus – in einem Brief an die Teilnehmer eines Kongresses in Neapel, der zum Gedächtnis dieses italienischen Denkers in der dortigen theologischen Fakultät 2000 stattfand. Es sei ein “grauenhafter Tod” gewesen, “eine traurige Episode in der neueren christlichen Geschichte”. Achtung vor der Würde und dem Gewissen eines Menschen, der beharrlich nach der Wahrheit sucht: dies ist eine Niveau-Ebene, deren Erkletterung auch in der Gegenwart noch nicht in allen Bevölkerungskreisen gelungen ist. Das Buch des britischen Wissenschafts-Journalisten Michael White (“Science Editor of British GQ Magazine”) wurde von einigen amerikanischen Rezensenten bezeichnet als zu sehr auf abenteuerliche Spannung bedacht, als zu wenig wissenschaftlich, als in einem sprachlichen Stil verfertigt, den Jugendliche leicht nachverfolgen könnten. Aber das macht es andererseits auch geeignet, als leichte Bettlektüre zu dienen für den, der sein Englisch verbessern will. Außerdem kann man ab und zu darüber nachdenken, dass Religion und Menschen-dem-Feuer-Aussetzen 400 Jahre später immer noch nicht als Handlungsweise unter den Erdbewohnern verschwunden ist…
4 Comments »
RSS feed for comments on this post. TrackBack URI



Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:05 |
per e-mail:
A, 1
marvin chlada: Heute habe ich die “Beharrlichkeit” abgeholt. Vor der Buchhandlung hab ich mich in ein Cafe gesetzt und mir das Cover näher betrachtet – ein wunderbarer Glückstreffer, über den man wahrlich eine komplette Abhandlung schreiben könnte (ein ähnliches Motiv, zwar ohne Statue, habe ich einmal von der Spanischen Treppe aus geschossen, als eine gigantische Werbetafel über Rom – glaube es war ein Modedesigner – errichtet worden ist. Der Kontrast erinnerte mich stark an Pasolinis Freibeuterschriften, wo er ja die Konsumgesellschaft mit der “ewigen Stadt” konfrontiert. Aber Bruno zwischen den flotten Mädels macht diesen Kontrast ungeheur deutlich – besser kann kein Cover-Motiv sein.)
A,2
marvin chlada: … In einer Sprache, die man guten Gewissens als schöne bezeichnen darf (ja, muss), führt uns der Autor durch die Weltbilder der Denker und Kritiker, immer an jenem Schnittpunkt entlang, wo sich deren Leben und Werk treffen und und mitunter vor unangehme Konsequenten stellte. Von Bruno, der auf Befehl des Papstes sein Leben lassen musste, weil er, anders als später Galileo, eben nicht klein bei gab, bis hin zu Einstein, dessen Humanismus ihn zwang, angesichts der Schrecken des Faschismus, die Amerikaner zur Entwicklung der Atombombe zu drängen…
B
michael murauer: Schon das Cover präsentiert einen originellen Einfall: ein eigenes Foto des Autors mit Giordano Brunos Statue auf dem Campo di Fiori in Rom als Provokateur zwischen Werbeikonen der Spaßgesellschaft. Sie verdankt trotz ihrer Distanz zur Philosophie den beharrlichen Aufklärern unter den Philosophen, die dafür im extremem Fall mit ihrem Leben bezahlen mußten, paradoxerweise zu einem erheblichen Teil ihre Existenz.
C, 1
klaus prinz: Philosophie bedeutet “Liebe zur Weisheit”, aber eine Lehre dieses Namens erfährt nicht notwendig nur Gegenliebe. In der Antike dienten die Philosophen noch als Fürstenerzieher und betrieben richtige Schulen. Große Namen entstammen dieser Zeit wie Sokrates, Platon oder Aristoteles. Oder Diogenes, der Alexander, den man den Großen nennt, aufgefordert haben soll, dass dieser ihm aus der Sonne gehe. Doch dann durchschritt die Menschheit die lange Zeit der Finsternis, in der die Philosophie an der Kette der Religion lag. Da kam es schon einmal vor, dass einer der größten Denker der europäischen Geistesgeschichte in Flammen aufging. Ein Foto des Autors des an diese Ungeheuerlichkeit erinnernden Denkmals auf der Römischen Campo dei Fiori sucht als Titelbild den ersten Kontakt zu dem Betrachter. Jeder aufrechte Humanist wird diesen Ort einmal in seinem Leben bepilgern und in Andacht vor der Statue Giordano Brunos die christlich-abendländischen (Leit-)Kultur reflektieren müssen. Dieser Giordano Bruno, der mit seinem überragenden Geist in der Spätrenaissance die europäische Geisteswelt ausleuchtete und in Genf, Wittenberg und Rom lange Schatten der Intoleranz zutage förderte. Doch sein (Lebens-)Licht wurde von dem übermächtigen römischen Dunkel verschlungen. (Man stritt sogar eine Zeitlang ab, mit dessen Tod etwas zu tun zu haben.)
C, 2
klaus prinz: Beharrlichkeit ist kein Verdienst an sich. Giordano Bruno und Galileo Galilei hegten prinzipiell ähnliche Gedanken und waren beide beharrlich. Doch Brunos Beharrlichkeit galt der Idee und Galileis Beharrlichkeit seinem Überleben. Damit soll Galilei nicht verurteilt werden – wem stünde das zu?
Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:37 |
[…] blogfrizz.wordpress.com/bergson-de/ blogfrizz.wordpress.com/bloch-de/ blogfrizz.wordpress.com/bruno-de/ blogfrizz.wordpress.com/cervantes-de/ blogfrizz.wordpress.com/cioran-de/ […]
Pingback by Gegen den Strich gedacht … « on how to philosophize — 2010/01/23 @ 06:25 |
[…] https://blogfrizz.wordpress.com/bruno-de/ […]
Pingback by Unjust Accusation « Flickr Comments — 2011/02/11 @ 05:51 |