Foucault hat u.a. mit seiner Untersuchungs-Richtung “ÜBERWACHEN UND STRAFEN” einen der wesentlichsten Grundzüge der Gegenwarts-Gesellschaften aufgedeckt, hinter denen die Analysen Sigmund Freuds oder Alfred Adlers wie Primaner-Arbeiten verblassen.
Seine Theorie der MACHT-ausübenden Institutionen hat an Aktualität, was ein Nietzsche oder Kafka noch nicht formulieren konnte. Nietzsches Schreiben war eher ein folgenloses Nörgeln. Kafkas Texte sind zwar wie Alpträume (oder extreme Satire) – aber gab es je eine politische Wirkung von Literatur?
Foucault ist nachhaltiger in seinem Einfluss. Vielleicht, weil die französische Gesellschaft Philosophie ernster nimmt als die deutsch sprechende?
Nach Foucault hat das Christentum Unterwürfigkeit und Korpsgeist erst vorbereitet, dann zementiert. Dies konnten sich die nachfolgenden neo-konservativen Konsumgesellschaften global zunutze machten.
“Die Bourgeoisie ist intelligent, scharfsichtig und berechnend. Keine Herrschaftsform war jemals so furchtbar und damit so gefährlich, so tief eingewurzelt.” Die neo-konservativen Eliten reduzieren sukzessive mittlerweile unwidersprochen die bürgerlichen Rechte, sei es Meinungsfreiheit, Kündigungs-Schutz etc. – sie subventionieren die Spielschulden global tätiger Banker-Cliquen aus Steuergeldern und feuern kritisierende Gewerkschafter wegen vorgeschobener Bagatellen in die Arbeitslosigkeit und in das Existenz-Minimum. Scharfsinnig und berechnend wird von oben nach unten tyrannisiert – nur mit feinen, marmornen Methoden – und mit den hektographierten Textbausteinen der Verwaltung. Das an den Pranger gestellt zu haben war Verdienst Foucaults.
Resümee: Man wünscht sich den in den westlichen Gesellschaften meistens nicht hinterfragten Dressur-Systemen Familie und Beruf, Verein und Parlament (Fraktionszwang, ein deutsches Wort) diskutierende Gegner wie ein Foucault es war. Seine Thesen müssten in Talk-Shows gelangen – nicht die täglichen beschwichtigenden und verharmlosenden TV-Nebelschleier – damit sich die Kunst verbreite, “nicht dermaßen regiert zu werden…“



Durch die Rückvernetzung der gewonnenen Abstraktionen ins Autobiographische ist vielleicht eine gute Brücke zum Verständnis und zur Diskussion zu schaffen?
1. Mein Adoptiv-Vater, zwar zurückgekehrt aus dem “Zweiten Weltkrieg” aber geistig dennoch im 1000-jährigen Reich verblieben, blieb den Erziehungs-“Praktiken” des Nationalsozialismus verhaftet: Kontinuierliche abendliche Prügel-Rituale am angeblich “unwerten” Leben – man hatte mich wohl nur aus dem Kinderheim befreit, um sich täglich den Genuss des rassisch Höherstehenden zu ermöglichen. Regelmäßige Kellerhaft – zumeist in den intakt gebliebenen Kellern zerbombter Häuser in meiner “Heimatstadt” Wuppertal.
2. Die gymnasialen Erfahrungen waren nicht besser als die in meinem Essay über Adorno beschriebenen. Der Lehrkörper bestand zum Teil noch aus unverbesserlichen Revanchisten, die stolz darauf waren, als Soldaten gedient zu haben. Jüngere Studienräte verließen schnell diesen Morast und arbeiteten lieber woanders. Ich fühlte mich jahrelang vom Direktor des Gymnasiums tyrannisiert, was die Spitze des schier Unerträglichen erreichte, als ich Chefredakteur der Schülerzeitung wurde. Mein Vorgänger im Amt beging (nachdem er sich bei mir über die Gründe ausgesprochen hatte) Selbstmord. Es wurde mir nicht gestattet, über solche Vorgänge zu schreiben.
3. Bundeswehr: Zunächst bin ich nach über 40 Jahren immer noch empört darüber, wie der aus Vertretern der Parteien CDU, FDP und SPD bestückte Ausschuss, der sich wohl vorher abgesprochen hatte, wieviele Anträge auf “Wehrdienstverweigerung” man akzeptieren würde, nach fadenscheiniger Diskussion meinte, meine vorgetragenen Begründungen nicht für plausibel halten zu können. Der anschließend zwangsweise verordnete Wehrdienst wurde zu einem 11-Monatigen Spießrutenlaufen, nicht erleichtert dadurch, dass ich den Antrag auf Verweigerung dennoch wiederholte. Immerhin ein gutes Vortraining für das Mobbing, das mich im späteren Behördendienst jahrelang jagen würde.
4. Landeskirchenamt: Ich bezeichne es mittlerweise als amüsant, dass ich tatsächlich versucht habe, die Bibel als soziologisch und politisch interpretierbares, historisch einzuordnendes, von (durchaus gescheiten) Menschen hergestelltes Schriftwerk zu bezeichnen, hinter der allerdings kein Gott stecke. Mein kultur-anthropologischer Ansatz einer Wirkungsgeschichtlich ausgelegten vergleichenden Religionssoziologie erntete nur extreme Drangsalierung.
5. Schul-Bürokratie: Beschränken wir uns einmal allein schon auf die für einen denkenden Menschen unakzeptierbaren Versuche, mir das Mit-Stenografieren von Konferenzen zu verbieten, Gespräche auf dem Schulhof mit Kollegen zu führen, eigene Tagesordnungsthemen einzubringen, in der Gewerkschafts-Zeitung zu schreiben oder Pseudo-Diskussionen mit Vorgesetzten dann zu verlassen, wenn sie sich im Kreise drehten: eine Abstimmung mit den Füßen führte zwar im Ost-Teil Deutschlands zur Befreiung, war beamtenrechtlich im Westteil doch strengstens juristisch untersagt – etc.
Comment by frizztext — 2010/01/20 @ 14:07 |
Comment by frizztext — 2010/01/20 @ 15:15 |
zum Thema KAMIKAZE:
frizztext für amazon
Immer wenn ich mich mit dem Thema Kamikaze beschäftige, und dieses Buch von Scherer und sein Film, den ich gestern wieder im TV sah, ist das eindrücklichste, dann denke ich an die deutschen Soldaten in den beiden Weltkriegen, die ja auch verheizt wurden von einer geisteskranken Führerschaft und deren Lakaien und deren geistloser Bürokratie und unmenschlicher Justiz, die keine Auswege erlaubte.
Die Unterschiebung, und klammheimlich versuchte Motivierung für weiteren Kadavergehorsam, bei Kamikaze handele es sich um heroische Selbstaufopferung, von der man sich eine Scheibe abschneiden könne, so nirgends expliziert aber leider sublim vorhanden, diese Unterschiebung ist das schlimmste an nachträglicher Selbstbeweihräucherung der Pathetischen!
“Die größten Bestien sind nicht einzelne Menschen, die größten Bestien sind die Staaten”, bemerkte Nietzsche einmal in seinen Momenten kurzer Klarheit.
Die jovialen Reden der Befehlshaber vor den deprimiert dastehenden jungen Männern, die keinerlei Ausweg sahen, denn Rechte hatten sie nicht (wie kein Soldat dieser Welt, auch heute nicht), die jovialen Reden, die im Film vorkommen sowie in den im Buch wiedergegebenen Tiefen-Interviews, die jovialen Reden sind das erschütternde, auf das wir blicken sollten, nicht auf einen angeblichen heroischen, vorbildlichen Tod, den es nicht gab, sondern nur die erbärmliche Ausweglosigkeit des Verschickten.
Dass es sich hier um ein Problem aller Soldaten, nicht nur der japanischen, handelt, wird noch zu wenig entdeckt. Dass staatliche Systeme mit höhnischer Anwendung ihrer juristischen Einkesselungen immer wieder die Wehr- und Recht-losigkeit oder zumindest naive Verführbarkeit junger Männer ausnutzen können, das ist das eigentliche Problem.
Die modernen Selbstmord-Attentäter, mit dem Sprengstoff-Gürtel um den Bauch, sind nur ein weiterer Beweis, dass das Thema Kamikaze nicht auf ein Land oder eine Zeit beschränkt war. Etwas über den Tellerrand von 1944-1945 sollte man durch dieses Buch hinausgucken lernen. Das Buch gibt die Chance dazu!
Comment by frizztext — 2010/01/23 @ 05:59 |
KAMIKAZE: noch nicht veröffentlicht bei amazon …
aber jetzt unter
frizztext für amazon
der text liegt mir sehr am herzen, vielleicht versteht ja einer, wieso er für mich zum themenkreis foucault gehört …
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Pingback by Gegen den Strich gedacht … « on how to philosophize — 2010/01/23 @ 06:25 |
KAROSHI
frizztext für amazon
Angesichts des immer unbarmherziger werdenden Kampfes am Arbeitsplatz, der häufig ein chronischer, subtiler Kampf UM den Arbeitsplatz geworden ist, muss man nicht hellseherisch veranlagt sein, um das japanische Karoshi-Syndrom als auch bald bei uns auftauchend zu prophezeien. Einerseits wird auch bei uns vom Arbeitnehmer immer mehr ein Einsatz verlangt, der an die Aufopferung für die eigene Familie heranreicht (der man auch höflicherweise keine Überstunden anrechnen würde), andererseits wird man kaltlächelnd gekündigt, wenn irgendwelche Zahlenkolonnen der Firma einen Sparkurs verordnen. Obwohl meist an anderer Stelle der Firma verschuldet, wird durch Entlassungen kuriert, was Management-Fehler im Börsenbereich oft waren. Japan: morgens früh von den U-Bahnen aus den Trabantenstädten angesaugt, tagsüber in den Zentren der Cities auf Trab gehalten, dass kein wirkliches Nachdenken mehr möglich ist, abends wie menschlicher Müll wieder vor den Haustüren der Vorstädte ausgespuckt: ob Tokio oder Frankfurt, Hiroshima oder München, Nagasaki oder Berlin: der Unterschied schwindet. Die Kälte des Neo-Kapitalismus ist global gemeinsamer Besitz geworden. Für die Opfer, die auf der Strecke dieser erbarmungslos gewordenen Arbeits-Mühlräder zugrunde gehen, sei es durch Herzinfarkt, Gehirnschlag oder Selbstmord – für die Opfer muss auch einheitliches RECHT geschaffen werden. In Japan versuchen hinterbliebene Frauen Renten und Entschädigungen einzuklagen, wenn ihre Männer kaltherzig von einer Firma zerrieben wurden. Nicht leicht in einem Land, das viel Routine mit der Verdrängung, mit der aalglatten Maske des Lächelns und Nicht-Beantwortens hat. Es ist allerdings bei uns nicht viel besser. Es ist mir der Fall eines in den Selbstmord getriebenen OPEL-Mitarbeiters im Gedächtnis, dessen Frau bei gerichtlichen Schadensersatz-Forderungen scheiterte. In Schweden immerhin wurde Mobbing justitiabel gemacht (bei uns noch nicht; in Japan reicht Mobbing nicht aus, da muss schon der Tod als finale Beweislage her). In England erreichte über den Klageweg eine Mitarbeiterin der Deutschen Bank eine Entschädigungszahlung wegen Mobbens. Global ist das Problem. Die Gegenwehr-Möglichkeiten müssten zunehmend auch global verglichen werden. Dieses Buch über Japan wäre eine gute Hilfe dabei!
Seite 71: “social value of death Karoshi (death from overwork) and suicide from psychological and physical pressures are current problems inside direct profit-making organizations … “
Comment by frizztext — 2010/01/24 @ 09:18 |
zum Thema STASI:
Das Leben der anderen …
Fragment zur Intellektuellen-Verfolgung in Deutschland
Man braucht diese DVD im eigenen Regal, um bloß nicht zu vergessen, worüber Deutsche ernsthaft nachzudenken hätten: Über Bespitzelung und Verrat an die Polizei, was des Verratens nicht wert wäre, hätte man Achtung vor Meinungsfreiheit. Was die Gestapo in der Hitlerzeit trieb, lebte als Stasi weiter in der DDR. Als deutsche Mentalität, mit nicht so ganz ausgefeilter Pedanterie und Technik, gab es dergleichen übrigens auch in Westdeutschland: Berufsverbote und die dazugehörigen Behördenflure und Einschüchterungen, endlose pedantischen Beobachtungen und höhnisch-hämische Schriftsätze. “Das Leben der anderen”, das Leben der Intellektuellen und Künstler, wurde von den Nazis gehasst und den Kommunisten – und soziale Schichtungen mit den üblichen Hass-Reaktionen gibt es auch in der BRD (und der ganzen restlichen Welt). Ein Film also nicht nur für “Ossis”, sondern über anthropologische Grundtatbestände. Die Uniformen mögen von Land zu Land anders aussehen. “Die Sonate vom Guten Menschen”, ein unterlegter Songtitel und wesentlicher Kern der Message dieses Filmes, könnte einen glatt wütend werden lassen: Wahrscheinlich gab es keinen einzigen IM, der seinen Opfern wirklich aus der Patsche geholfen hätte. Das ist das ärgerlich Illusionäre an diesem Film, der Gesten des Verzeihens ans “Happy” End stellt, wo eigentlich Wut und Rache hingehören. Beim Songtitel “IM Martha” (Christa-Maria Sieland, im Film dargestellt von Martina Gedeck, der Hauptdarstellerin unlängst im fröhlichen Kinowerk “Bella Martha”) – für sie stülpt sich zwar sicherlich das Herz um, für die anderen aber, die “tausend Augen” der “unsichtbaren Front”, für sie bricht dieser Film herein wie ein Justizverfahren, das es in Deutschland leider nie gegeben hat. Weder nach dem Ende der Nazi-Diktatur noch nach dem Abgesang des Honecker-Staates – noch nach dem Ausklingen der Berufsverbote in Westdeutschland. Der Staat klagt seine Helfershelfer und Paladine niemals an. Es ist nötig, dass wir uns noch viel genauer auseinandersetzen mit Typen wie Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) oder dessen direkten Vorgesetzten, dem Leiter der Abteilung Kultur bei der Staatssicherheit Oberstleutnant Anton Grubitz (Ulrich Tukur) oder gar dem “hohen Tier” Minister Bruno Hempf (Thomas Thieme). Das schleimige Verzeihen, das Schauspieler Sebastian Koch schon im Albert-Speer-Film zu mimen hatte, das praktiziert er auch als bespitzelter DDR-Künstler Georg Dreyman. Die bedrohlich kriechende Musik ist die passende Mayonnaise zu dieser Welt, die man so weit zurückdrängen sollte wie möglich: Denn ihre Überreste bedrohen immer noch unsere geistige Freiheit, wenn auch nicht mehr in diesem perfekten, durchschlagenden Maße.
Comment by frizztext — 2010/01/26 @ 14:52 |
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Pingback by Hoheneck Women Jail « Flickr Comments by FrizzText — 2011/11/15 @ 08:42 |