frizztext – little essays

Adorno (de)

Adorno, zunächst behütet aufgewachsen, lernte das Grauen erst ausserhalb des heimischen, friedlichen, musikerfüllten Wohnzimmers kennen: Zunächst in der Schule, gehetzt und geprügelt als Klassenprimus, sodann als Jude – in den Zeiten des Auschwitz erfindenden Deutschlands.

Was ihm als Verachtung durch die Horde der Mittelmäßigen zu Zeiten des Gymnasialbesuches schon zu nahe gegangen war, erreichte bald durch die ideologischen Konstruktionen des Nationalsozialismus unerahnbare Ausmaße – und doch meinte Adorno, dies habe ihn nicht sonderlich überrascht, nach allem, was er als Milieu-Sturz in Jugendjahren in den Lehranstalten verdauen musste.

Das Ende seines Lebens ähnelte traurigerweise dem Beginn und der Mitte seines Bemühens, der Dämlichkeit von Horden zu entkommen: Die zur brüllenden Masse sich kumulierende 68’er Studentenschaft verstieß erneut gegen Adornos Stilempfinden (gelinde gesagt), – und neuerdings, obwohl er nun schon längst im Sarg befindlich, wird ihm immer noch aus dieser sozialistisch-orthodoxen Cliquen-Welt, welche elitäres Verhalten niemals akzeptieren wollte, unversöhnliche Verachtung nachgeworfen: indem man in ihm (hohnlächelnd und lüstern zerstörerisch, gar nicht klammheimlich) schlichtweg keinen Denker zu erkennen behauptet, der irgendwie Nutzbringendes zu Tage gefördert habe. Er hat. Allem Gefasel derjenigen zum Trotz, die nur die übliche Sprache der Parolen ertragen wollen.

Seine “minima moralia” sind erstens nicht nur literarische Kunstwerkchen, glänzen zweitens nicht nur mit dem denkerischen und schriftstellerischen Imperativ, dass nur mehr essayistisch nach Stichworten zu arbeiten sei, da die großen Mega-Philosophien ja doch immer wieder zusammenbrächen oder durch den Arbeitsprozess der Dialektik lautlos versickerten; sondern verlangen kontinuierlichen Respekt drittens wegen der heutzutage immer dringlicher werdenden Einsicht, dass systemhöriges Denken, egal innerhalb welcher Nationen durchgepaukt, fast zwangsläufig zu Katastrophen führen muss.

Es ist ein etwas verwirrender aber durchaus einprägsamer Zufall, dass der Adorno-Geburtstag, der 11. September, als “9-11” nun hinterrücks zum Mahnmal auch dafür geworden ist (für die Eingeweihten), dass ideologische Aufgehetztheit nur eine schreckliche Kette von Eskalationen nach sich zieht.

Dämliche Attentate, dämliche Rache-Kriege, ob einsame Selbstsprengungen oder durch Vorgesetzte abgefederte Folter-Tyranneien im rechtsfreien Raum: Die Bescheidenheit Adornoschen Denkens, die einzig sprachlich in kleinen kunstvollen Schritten zu überzeugen suchte – sie wäre in einer Welt der immer grober werdenden Gewaltausübungen eine trostreiche Besinnungshilfe …

5 Comments »

  1. Adorno

    Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 17:59 | Reply

  2. per e-mail:
    A
    peter oberstebrink: wie ich sehe, beabsichtigt FRIZZ nicht, vordergründig irgendwelche personen zu verehren, sondern ermutigt vielmehr dazu, beharrlich zu suchen, was in einem selbst als wunsch oder begabung schlummert…
    B
    erich schaake: Von Frizz lernen wir, dass die Päpste der Philosophenzunft auch nur Menschen sind: oft beharrlich und ungehorsam, aber auch selbstverliebt und scheinheilig. Und: dass in Fernsehtalks Geistesarbeiter auftreten, die sich häufig in auf Karteikarten vorbereitete Zitate flüchten. Miteinander sprechen, so Frizz, das müssen diese Philosophen erst noch einmal üben…
    C
    klaus j. grunenberg: Es ist eine prägnante und somit treffsichere Art der Beschreibung von Chaos und von Ordnung, es ist das Ausgreifen in globale Verhältnisse, das Verknüpfen von Philosophie und Realem, das Beleuchten intimer Verhältnisse und das Hinführen zu weltbewegenden Dingen, deren Wichtigkeit nicht zu übersehen ist. Die reinste Form der gewählten Freiheit, die sich ausdrückt in Botschaften der kritischen Vernunft, in fast musikalischer Bearbeitung und poetischer Vollkommenheit. So betrachtet, arbeitet für uns Leser ein souveräner Mensch, der, am Rande des Meeres als Beobachter sitzend, schreibt und berichtet und von dem wir hoffentlich noch Größeres erwarten werden…

    Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 13:39 | Reply

  3. […] den Strich gedacht … Filed under: Philosophy A – Z — frizztext @ 06:24 blogfrizz.wordpress.com/adorno-2/ blogfrizz.wordpress.com/arendt-de/ blogfrizz.wordpress.com/bergson-de/ […]

    Pingback by Gegen den Strich gedacht … « on how to philosophize — 2010/01/23 @ 06:24 | Reply

  4. […] “ADORNO, deutsch” (blogfrizz.wordpress.com) Filed under E, Uncategorized ← Flatiron Building LikeBe the first to like this post. […]

    Pingback by Elephant-in-the-room « Flickr Comments — 2011/01/16 @ 10:12 | Reply

  5. […] ADORNO – Deutsch […]

    Pingback by Rage « Flickr Comments — 2011/01/26 @ 12:03 | Reply


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