frizztext – little essays

Epikur (de)

Das schäbige Handwerk der Religionsbürokratien, – nämlich, dass sie immer wieder mit infiltrierter Götter- und Jenseits-Furcht kontaminierte Menschen erzeugen: dieses Marionetten-Geschäft wollte ein Epikur durchschneiden. Bis in die heutigen Tage (“Im Himmel”, so wird dem Talibanischen Selbstmord-Attentäter versprochen, “bekommst du sieben Jungfrauen zur Belohnung”) – bis in die heutigen Tage wissen fundamentalistisch-religiöse Verhetzungsnetze aberwitzige Aktivisten zu produzieren, die den Beginn eines zweifelhaft ausgemalten Lebens NACH dem Tode kaum noch abwarten können. Der Kampf der Konfessionen hat sich seit dem 11. September 2001 eminent hochgeschaukelt – zweitausenddreihundert Jahre nach Epikur und völlig unbeeinflusst von den doch so ertragreichen Erkenntnissen der griechischen Philosophie.

Man könnte an der Aufklärungs- und Veränderungs-Fähigkeit von Philosophie generell zweifeln, sähe man nicht gesellschaftliche Teilströmungen durchaus epikuräisches Gedankengut aufgreifen. Epikur suchte nämlich nicht nur mit großer Beharrlichkeit die Furcht vor Göttern zu entkräften, sondern riet auch zur Distanz gegenüber einem verflachten politischen Alltagsgeschäft, das allzuleicht den dort Involvierten korrumpieren könne. Stattdessen seien kleine Freundeszirkel seelisch bekömmlichere Kontaktformen als das eitle Ringen um politische Posen und hohle Parolen.

“Ein freies Leben vermag nicht viel Geld zu erwerben, weil die Sache nicht leicht ist ohne Knechtsdienst beim Pöbel oder den Mächtigen…” schreibt Epikur und ist über das angesprochene eventuelle Besitzdefizit von Philosophen nicht sonderlich entsetzt.

“Des Fleisches Stimme: nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren!” – formuliert er andernorts – und da machen uns in der Tat manche nicht-westeuropäische Landstriche beharrlich vor, worauf man alles verzichten kann – und dabei dennoch nicht in kompletter Würdelosigkeit versinkt.

Selbst was Epikur von den hämischen Saboteuren seines aufrichtigen Denkbemühens immer wieder süffisant vorgeworfen wird, die Hinneigung zu erotischen Genüssen, war ihm zumindest als Gefahr völlig bewusst: Er predigte als erstrebenswertes Ziel, sich eben gerade nicht in masochistische Erbärmlichkeiten hineintreiben zu lassen durch Abhängigkeiten von Süchten.

Nicht ein Selbstverlust im Verfallensein war das Ziel, sondern eine in sich ruhende Zufriedenheit als Gelassenheit. Die erreicht man schwerlich im hemmungslosen Ausleben von Begierden – allerdings auch nicht in giftiger, selbstaggressiver, nonnenhafter, selbstverschuldeter Körperfeindlichkeit. Ein würdiger, maßvoller Lebensstil war Epikurs Zielrichtung !

Was lernen wir aus diesem Kapitel zum Thema Widerstands-Strategien?
1. „Nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren!”
2. Im Himmel warten sehr wahrscheinlich auf niemanden irgendwelche Jungfrauen-Grüppchen.

4 Comments »

  1. Epicurus

    Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:10 | Reply

  2. per e-mail:
    A
    kirstin zeyer: …Wer Fritze liest, entdeckt aber nicht nur den Autor und dessen geistreichen Humor, zuweilen auch Schärfe, Bissigkeit und Ironie, sondern zugleich dessen Schreibwerkstatt, an der aktuelle Webdialoge nicht weniger beteiligt sind als Aphorismen, Pressenotizen, philosophische Fernsehsendungen und die Verknüpfung mit jüngsten Ereignissen (was uns etwa Epikur eingedenk des 11. Sept. 2001 zu sagen hätte). Fritze fügt sich keinem -ismus, weder der philosophischen Richtung, noch des literarischen Genres. Es ist, mit einem Wort: ein Buch für aufgeweckte, freie Geister.
    B
    marvin chlada: … Besonders schön in der “Beharrlichkeit”: endlich wird der Epikur ins rechte Licht gestellt! Diese Verflachung des Begriffs “Epikurismus” oder “epikurär” ist ja langsam nicht mehr auszuhalten. Das klargestellt zu haben allein, macht das Buch schon wertvoll genug. Gleichsam wunderbar finde ich die Sprache in der “Beharrlichkeit”, auch wie diese durch alle Texte, auch die polemischen, durchgehalten wird – respekt …
    C
    werner fletcher: …Schlußwort Epikur: „man muß erfassen, daß eine lange und eine kurze Darlegung auf dasselbe abzielen.“ Schlußwort frizztext: „ob eine kurze darlegung aber genauso wirkt? wir wollen es hoffen …“ Schlußwort Rezensent: In diesem besonderen Falle hat die Hoffnung einmal nicht getrogen.

    Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:09 | Reply

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  4. […] you like philosophy, please read my essays on EPICURUS Epicurus (English) + Epikur (deutsch) Filed under G, Uncategorized ← Guns LikeOne blogger likes this […]

    Pingback by Gym « Flickr Comments — 2011/01/08 @ 09:31 | Reply


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