frizztext – little essays

Bloch (de)

“Der international bekannte Philosoph und Leipziger Professor Ernst Bloch ist von einem Besuch in der Bundesrepublik aufgrund der Absperrmaßnahmen des 13. August nicht mehr in die Sowjetzone zurückgekehrt.” (AP vom 20.9.1961)

Im Koffer hatte Ernst Bloch nicht mehr Besitz als einen Krimi von Agatha Christie. Er war halt der Philosoph der Hoffnung und des Neu-Anfangs. DDR-Oberen schrieb er: “… bin ich nicht mehr gewillt, meine Arbeit und mich selber unwürdigen Verhältnissen auszusetzen.”

In seinem ereignisreichen Leben hatte er diesen Mut zum Neubeginn – zusammen mit seiner Frau – schon öfters bewiesen. Bücherverbrennung und Ausbürgerung durch die Nazis vertrieben ihn in die New Yorker “Public Library” an der 42. Straße, in welcher er sein Hauptwerk “Das Prinzip Hoffnung” schrieb – währenddessen seine Frau Karola als Architektin den Unterhalt in der Wolkenkratzerstadt verdiente. (Adornos hämischer Seitenhieb 1942, Bloch sei als zu langsam arbeitender Tellerwäscher entlassen und mittellos, stimmte somit nicht ganz.)

Allzu marxistisch enthusiasmiert leistete der Philosoph mit der “Späherbrille” ab 1949 der DDR ideologische Hilfe – um dann erfreulicherweise in diesem menschenfressenden Pseudosozialismus doch nicht auf ewig eingemauert zu verbleiben. “Jetzt muß statt Mühle endlich Schach gespielt werden”, hatte er – nervös werdend – seine Aufbruchsstimmung kurz vor dem Sprung ins richtigere Leben formuliert.

“Heute kann man wählen zwischen fade und falsch. Mit einem falschen Schuh aber kommt man nicht weit. Ein trübes Glas macht auch das trübe, was hineingegossen wird…” so und ähnlich wurde Bloch für die 1968er Generation als väterlicher Freund Rudi Dutschkes zur Gallionsfigur der Studentenrevolte. Beharrlichst blieb er auf der Suche nach dem richtigen Leben, nie war er zu feige, den Sprung in ein neues, wenn auch kaltes Fahrwasser zu riskieren.

Mutgebend jene von ihm gerettete Anekdote über den Erfinder der Dampfmaschine, Stephenson: Der rannte vergebens dem ersten nach der Methode “Daumen mal Pi” zusammen-konstruierten “Kessel auf Rädern” hinterher, welcher, immer rasanter werdend blind auf eine Kurve zustrebte. Der augenlose Kessel fuhr natürlich geradeaus und explodierte an einer Hauswand. “Der Pfarrer des Ortes wurde daraufhin irrsinnig”, berichtet Bloch spöttisch, fährt dann aber Mut gebend fort: “Stephenson hatte alles verstanden und baute eine neue Maschine, auf Geleisen und mit Führerstand.” Was Stephenson für die Eisenbahn, das scheint Bloch für das Erzählen kleiner Unvergesslichkeiten geleistet zu haben…

Als ich den eisernen Vorhang in der Mitte der achtziger Jahre zum ersten Male übersprang, fand ich in einem mehr-bändigen marxistisch-sozialistischen Lexikonwerk den marxistischen Philosophen Ernst Bloch nicht. Nur einen Chemiker mit diesem Nachnamen. Der erschien dem Arbeiter- und Bauernstaat wohl erwähnenswerter (i.e. ungefährlicher, System-stabilisierender). Man muß sagen:

Die Beharrlichkeit der Philosophen hält der Beharrlichkeit, sie zu unterdrücken, durchaus die Waage…

Was lernen wir aus diesem Kapitel zum Thema Widerstands-Strategien?
1. “Keiner von uns allen könnte nicht auch ein anderer sein.” (Bloch)
2. “Das Individuum soll nicht mehr, wie oft im Osten, eine Strafsache sein, und nicht, wie im Westen, eine kleine Arbeitskraft, die sich zu verkaufen hat.” (Bloch)
(under construction…)

11 Comments »

  1. Ernst Bloch

    Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:04 | Reply

  2. per e-mail:
    A
    frank semper: Vielleicht wird man den ein oder anderen alten Bekannten vermissen, Marx oder Hegel z.B. – … sympathisch die Kapitel zu Bloch und Einstein (zwei freundlich ausgeglichen Beharrliche)…
    B
    marvin chlada:Einzig den Bloch hätte ich gerne etwas länger gehabt – allerdings nur aus einem Grund: in den 20ern war er gleichsam beharrlich Stalinist (obwohl er es hätte besser wissen können). Da hätte man ihm ruhig eins aufs Dach geben können dafür – in frizztext-manier, versteht sich…

    Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:14 | Reply

  3. Fortsetzung der Auseinander-Setzung mit der D.D.R.:
    über UWE TELLKAMP
    Die DDR-Bürger haben sich 1989 verhalten, als ob sie alle Henry David THOREAU gelesen hätten, den einzig bekannten amerikanischen Philosophen: und seinen berühmten Essay “Von der Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat”. Sicherlich kannten sie dessen Werke weniger als die von Lenin, Marx und Engels. Dennoch scheint eine jedem Menschen innewohnende Grundstruktur (das war die Hoffnung von Immanuel KANT) einzufordern, was dem menschenwürdigen Leben nötig ist – selbst wenn es in den Schulen und Zeitungen so nicht vorkommt, sondern eher das komplette Gegenteil, die Anpassung ans Dämliche (so hätte vielleicht der DDR einst entronnene knurrige Ernst BLOCH formuliert). Gegen den Strich bürstet sich das mutige Leben dennoch! Was 1989 durchbrach, stapelte sich zuvor in 40 Jahren Scheibchen für Scheibchen auf. Zunächst nicht als öffentliche Straßendemonstration sondern als Durchtriebenheit, subtile Desertation, ironische innere Emigration. Uwe Tellkamp ist mehr als nur ein Nobel-Preis verdächtiger Schriftsteller. Vielleicht geht er zukünftig als der einzig gescheite Philosoph der DDR in die Geschichtsbücher ein.

    Comment by frizztext — 2010/01/21 @ 14:44 | Reply

  4. Fortsetzung der Auseinandersetzung mit der DDR:
    der Fotograf BERND LASDIN
    A
    bernd lasdin, 1
    Die erste Fotoserie 1986, die zweite 1998 – eine einmalige Chance für eine soziologische Langzeitstudie – Bernd Lasdin hat sie wahrgenommen. Die bewegende Frage ist natürlich: Hat die Umstülpung der DDR in “neue Bundesländer”, hat jene von den DDR-Bürgern in Gang gebrachte “unblutige Revolution des Jahres 1989”, hat das Verlassen alter Befehlsketten die Menschen verändert, welches sind lebensbestimmende Faktoren stattdessen geworden, Beeinflussungs-Netze, die eventuell stärker als die verlassene Welt des auf-oktroyierten Staats-Sozialismus sind? Für eine Rentnerin, die von LASDIN vorgestellt wird, hat sich nicht mehr verändert, als dass ihre Katze gestorben ist, der querschnittsgelähmte Palästinenser Sadim liegt betrüblicherweise seit 10 Jahren unverändert im selben Krankenhaus – jedoch LASDIN entdeckte auch Mutgebendes: aus einem Maschinenbau-Ingenieur wurde ein Konfliktforscher, viele private Rückzugs-Räume wurden ästhetischer: Den Soziologen (so im Vorwort Burkhard Hill) war schon seit längerem aufgefallen, dass quer zum alten drei Schichten-Modell es allerorten auf der Welt Menschen gibt, die sich individuell definieren durch ihre private, in ihrer Wohnung verwirklichte Ästhetik – somit wären die Einflüsse der wechselnden politischen Systeme gar nicht so überwältigend, wie eigentlich zu befürchten. Dem einen bleiben die protzigen Geweihe an der Wand eine alle politischen Lenkungs-Versuche abschmetternde Lebenskonstanz, dem anderen der große Tisch, um welchen sich die Familie immer versammelt. Hochinteressant wird das Buch Lasdins auch dadurch, dass die Portraitierten kleine Texte unter ihre Fotos bugsieren durften – so schrieb z.B. Rudolf Krug: “Das alte System war auf Lüge gegründet. Das neue System ist auf Betrug gegründet.” Also: nicht nur ein Fotobuch, sondern ein zutiefst menschliches, philosophisches, spöttisch trendforscherisches, das sehr zum Nachdenken anregt …
    B
    bernd lasdin, 2
    100 wohnungen, 100 handschriften, 100 lebensstile – ein hundertfacher versuch, uns klarzumachen, dass die eigenschaft homosexuell, lesbisch oder schwul, transvestitisch oder sonstwie in schubladen gepacktes niemals ein menschliches leben komplett ausmachen kann. der fotograf bernd lasdin deckt erneut auf mit seinem komplexen konzept aus porträt und in handschrift darunter gegebenem statement, aus zusätzlich sichtbaren wohnungs-, kleidungs- und lebens-details, dass mensch-sein aus sehr vielen, sich zu einem ganzen zusammensetzenden teilbereichen besteht. diese fast streng soziologisch wirkende spurensuche in großstädtischer und ländlicher lebens-umwelt, in allen alters- und berufs-schichten, in getrennt voneinander sich entwickelnden subkulturen – es führt zusammen, was man niemals diskriminierend auseinanderreißen sollte: jeder ist ein mit achtung zu behandelnder mensch. in einem der drei dem fotoband beigegebenen vorworte (dem vom filmemacher tremper) steht, bernd lasdin sei vielleicht so eine art “GEWISSENS-FOTOGRAF”, er bringe den betrachter auf eine “moralische bühne” der selbstauseinandersetzung zwischen eingegrabenem vorurteil und einer empirie-durstigen neugierde, die sich neue erfahrungsfelder erschließe jenseits der vorher gewussten besserwisserei: eigentlich schon immer das betätigungsfeld kunstvoller fotografie, die den tag überleben wird, vielleicht sogar (kunst-)geschichte schreibt. der leipziger sexualforscher prof. starke formuliert in einem anderen dem bildband beigegebenen essay, dass “der bildliche hintergrund der porträts schon zugleich ein psychologischer hintergrund” sei. damit hat er recht. und so grübele ich nach über den stofftiger auf der lagerstatt des berühmten schwulen filmemachers rosa von praunheim, sinniere, ob mir nicht auch gefallen würde, ein ruderboot in meiner zimmer-einrichtung zu haben (wie die gitarristin natalia bondar), vergleiche auf den sich gegenüberliegenden seiten 24 und 25 den PDS landtags-abgeordneten walther mit der masseurin traoré: er sitzt auf einem teppich, hinter ihm durch die bodentiefe glaswand der blick auf einen alten baum. die masseurin sitzt auf einem holzbett, hinter ihr der blick auf bäume auf einem ölbild. man sinniert darüber, mit wem man in der badewanne sitzen möchte und ob fetisch-leder-kleidung überflüssig sei, man prüft, ob das hildegard-knef-double dem vorbild genügend entspreche und fragt sich, betrachtet man glastisch und notebook des journalisten marcello m., der sich unzufrieden über den irak-krieg äußert, worin denn der unterschied zu einem selbst denn groß bestehe – ein weiterer bildband von bernd lasdin also, der nicht nur etwas für die augen, sondern auch etwas für hirn und seele ist …
    C
    Bernd Lasdin, 3
    Die erste Fotoserie 1986, die zweite 1998, die dritte 2008: eine einmalige Chance für eine soziologische Langzeitstudie: Bernd Lasdin hat sie wahrgenommen. Die bewegende Frage ist natürlich: Hat die Umstülpung der DDR in “neue Bundesländer”, hat jene von den DDR-Bürgern in Gang gebrachte “unblutige Revolution des Jahres 1989”, hat das Verlassen alter Befehlsketten die Menschen verändert, welches sind lebensbestimmende Faktoren stattdessen geworden, Beeinflussungs-Netze, die eventuell stärker als die verlassene Welt des auf-oktroyierten Staats-Sozialismus sind? Für eine Rentnerin, die von LASDIN vorgestellt wird, hat sich nicht mehr verändert, als dass ihre Katze gestorben ist; der querschnittsgelähmte Palästinenser Sadim liegt betrüblicherweise seit 10 Jahren unverändert im selben Krankenhaus: jedoch LASDIN entdeckte auch Mutgebendes: Aus einem Maschinenbau-Ingenieur wurde ein Konfliktforscher, viele private Rückzugs-Räume wurden ästhetischer: Den Soziologen war schon seit Längerem aufgefallen, dass quer zum alten drei Schichten-Modell es allerorten auf der Welt Menschen gibt, die sich individuell definieren durch ihre private, in ihrer Wohnung verwirklichten Ästhetik! Somit wären die Einflüsse der wechselnden politischen Systeme gar nicht so überwältigend, wie eigentlich zu befürchten. Dem einen bleiben die protzigen Geweihe an der Wand zwar eine alle politischen Lenkungs-Versuche abschmetternde Lebenskonstanz, dem anderen aber der große Tisch, um welchen sich die Familie immer versammelt. Hochinteressant wird das Buch Lasdins auch dadurch, dass die Portraitierten kleine Texte unter ihre Fotos bugsieren durften, so schrieb z.B. Rudolf Krug: “Das alte System war auf Lüge gegründet. Das neue System ist auf Betrug gegründet.” Also: nicht nur ein Fotobuch, sondern ein zutiefst menschliches, philosophisches, spöttisch trendforscherisches, auch hoch politisches, das sehr zum Nachdenken anregt!

    Comment by frizztext — 2010/01/21 @ 18:19 | Reply

  5. zur Auseinandersetzung mit der ex-D.D.R. gehört neben dem, was ich zu Ernst Bloch schrieb, auch dasjenige, was ich kommentierte zu Bernd Lasdin, Jana Hensel, Marie-Luise Scherer, Uwe Tellkamp, Mark Scheppert, Marx & Engels (= Gregor Gysi & Harry Rowohlt) etc.

    Pingback by Gegen den Strich gedacht … « on how to philosophize — 2010/01/23 @ 06:25 | Reply

  6. MARX & ENGELS SATIRE (unter Mithilfe von Gysi):
    frizztext für amazon
    Zitate von atemberaubender Frechheit, süffisant und mit durchaus viel Selbstironie vorgetragen von unserem modernen Marx-Engels-Ersatz Rowohlt-Gysi. Alles ganz und gar gänzlich politisch unkorrekt! Und dennoch muss man lachen. Ein befreiendes Lachen – von jeglichem ideologischen Schutt. Vielleicht benötigt man die unbändige Frechheit, die in privatem, nun wirklich nicht öffentlichem Briefwechsel sich herausbilden kann, um wirkliche Distanz zu gewinnen zur mitläuferischen Bravheit. Womöglich könnte man ähnliches in Briefwechseln der Gegenwart auch vorfinden – oder ist die Sprache in den letzten 100 Jahren extrem verarmt, die Sülze des Erlaubten über alles gegossen?

    Comment by frizztext — 2010/01/24 @ 09:24 | Reply

  7. MARIE-LUISE SCHERER ist für mich eine der genialsten deutsch-sprachigen Essayisten (und D.D.R.-Beschreiberin):
    ein paar meiner Rezensionen:
    A
    Ungeheurer Alltag
    Auf Marie-Luise Scherer wurde ich aufmerksam durch viele im SPIEGEL von ihr veröffentlichte Essays. Am erschütterndsten war für mich ihre Serie über die HUNDEGRENZE, die Schäferhund-Soldaten der D.D.R. – besonders wie sie beschrieb, dass die an die Laufleine geketteten Tiere, die auf einem zugefrorenen See ihren Dienst taten, erbärmlich ertranken, als das Eis schmolz – und die flehentlichen Bitten der Beobachter im Behörden-Dschungel der D.D.R.-Bonzen ungehört versickerten. Im SPIEGEL schrieb ich selbst damals (Februar 1994): “Die Grenz-Hunde bekommen in der Beschreibung Marie-Luise Scherers die Würde von Menschen; die DDR-Menschen geben das Bild von Hunden ab. Aber man muss deutlich hinzufügen: Auch im Westen gibt es diesen untertänigen, zu jeder Schlechtigkeit bereiten Menschentyp, nur dass er gar nicht dieser unglaublichen Erpressung ausgesetzt ist, so zu sein.” Marie-Luise Scherer schreibt mit dem soziologischen Brot-Messer in der Hand als wäre es das eiskalte Skalpell eines Gerichts-Pathologen. Deswegen habe ich mir auch ihr Buch über den ungeheuren Alltag gekauft. Sigmund Freud, vielleicht auch ein Hitchcock oder Polanski, – sie hätten Freude an ihr gehabt. Es müsste sich ein Hieronymus Bosch unserer Tage finden, der ihre Berichte visualisiert, damit man sie noch besser im Gedächtnis verwahrt …
    B
    Die HUNDEGRENZE u.a.
    von 1978 bis 2004 reichen die arbeiten, die marie-luise scherer in ihrem essay-band vorstellt, und es handelt sich um einen journalismus, dem die zeit nichts anhaben kann, weil er die grenze zur literatur überschritten hat. ob über die DDR-hundegrenze (1994) oder den serienmörder von paris (1990), ob über den russischen akkordeon-spieler (2004) oder den rechtsanwalt otto schily (1978) – nichts haben ihre darstellungen an suggestiver kraft verloren. vor 26 jahren porträtierte sie den, der nun in den ministerrang aufgestiegen ist. damals schrieb sie: “otto schilys wirkung liegt in einer arroganten faktendemut.” sie beschrieb den spagat, den er leisten musste, indem er die anführer der RAF (baader, ensslin, meinhof etc.) verteidigte, – andererseits sich aber ideologisch natürlich nicht von ihnen einfangen ließ – aus gefestigtem, gut bürgerlichem elternhause stammend: “solche politischen ziele rangieren schließlich in den getäfelten advokaturen mehr als scherz.” als seine damalige ehefrau christine ein paar stadtguerillas mit nach hause eingeladen hatte und er sie vorfand, wie sie auf seinem konzertflügel würste aufschnitten, habe sich die szene ausgenommen wie beim anblick von “parachutisten in einem gouverneurssalon”. otto schily sei ein mensch “unfähig, in sprechchöre einzufallen”, einer der sich vom “glamour der revolution” niemals habe einfangen lassen, einer, der nicht “vom steilen eßzimmerstuhl in den schneidersitz” umgewechselt sei. schily besitze eine “untauglichkeit, zum untertanen auszuarten.” man urteile, ob marie-luise scherer vor 26 jahren ihr thema nicht schon regelrecht hellseherisch erfasst hat.

    Comment by blogfrizz — 2010/01/25 @ 11:32 | Reply

  8. MAUERGEWINNER, frizztext für amazon
    “Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen, die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht, oder eine Sprache, die nur aus Fragen besteht und einem Ausdruck der Bejahung und Verneinung. Und unzählige andere. Eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen…” schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951).

    Ein auffälliges Phänomen bezüglich der zusammen wachsenden Teile Deutschlands (für Sprachphilosophen) ist das Abdriften der Beschreibungssysteme in kuriose Gewässer mit Untiefen. Von den Selbstbeweihräucherungen des Kanzlers der Einheit und den Parolen auf den Straßen in Leipzig 1989, von den Merkel’schen Tricks, “Deutungshoheit” zu erlangen bis zu den Tandem-Tänzen von Gysi und Lafontaine, vom Lamentieren der “Zonenkinder” bis hin zur Kaltschnäuzigkeit der Ex-Treuhand-Chefin: mancher Leser (und Denker) muss sich (Ideologie-argwöhnisch) fragen, wo denn eigentlich die Wirklichkeit nun festzumachen sei.

    Mark Scheppert demonstriert mit seinem Buch MAUERGEWINNER eine Eulenspiegelhafte Variante dieses scheinbar närrischen deutsch-deutschen Wetteiferns. Im Horizont der von ihm beschriebenen 18 Jahre VOR dem Mauerfall kommt wenig Schorlemmerei vor, schon gar nicht ein sich im Westen abmühender Udo Lindenberg (Sonderzug nach Pankow), nicht einmal Willy Brandt – allerdings Schalck-Golodkowsky, Jan Ullrich, Franziska von Almsick.

    Zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor aufgewachsen, beschreibt Mark Scheppert Kindheits- und Jugend-Erlebnisse, wie ich sie, parallel im Westen aufgewachsen, auch berichten könnte: Ärger über die Beschränktheiten der eigenen Familie, klammheimliche Schadenfreude beim Erinnern manch jugendlicher Risikobereitschaft, Ernüchtertsein beim Beschreiben bestimmter, trauriger Berufssituationen: die besondere Leistung: Den Autor verlässt in allen seinen 30 Anekdoten, Glossen, Possen-Spielchen niemals der Grundton fröhlichen Spotts.

    Keiner, der mit dem Kopf blindlings durch die Mauer hätte rennen wollen! Eher einer, der einen riesigen Ost-Berliner Bären aus einem Warenhaus klaut und ihn spöttisch in einen S-Bahn-Zug Richtung Westen setzt, damit er mal was erleben kann – oder der jenen Todesstreifen-Überquerungs-Möwen einen Zettel an den Flügel hakt mit der Aufschrift: “Ich bin aus Ost-Berlin. Bitte helfen Sie mir!”

    Das wussten die Philosophen von Sokrates über Kierkegaard bis Adorno allerdings auch immer schon: Ironie ist eine sehr ertragreiche Methode – und bei allen Machthabern, egal in welcher Partei, immer höchst verdächtig…

    Comment by frizztext — 2010/01/25 @ 11:55 | Reply

  9. zu Jana Hensel, ZONENKINDER
    auto-biographisches
    als ich 1945 geboren wurde, stopfte mich meine mutter, wehrmachtshelferin auf dem weg von prag nach rügen, unterwegs in ein wuppertaler kinderheim und überließ mich meinem schicksal. sie betrog mich so u.a. um meine DDR-kindheit. ich wuchs im westen auf, mit pepsi cola, care-paket, VOX-kaffe mit indianer-bildchen, später: beatles, 68’er, brandt und kohl. als ich nach 40 jahren beharrlicher suche meine mutter auf der insel rügen endlich ausfindig gemacht hatte, lernte ich die verlorene kindheit im foto-album betrachten: sommer-strand auf rügen, winter auf hiddensee, flugenten, kraniche – und jede menge kohlehaufen auf maroden bürgersteigen. farbfilme, bücher, trabi-ersatz-teile: nur schwer zu bekommen. trotzdem, ich wollte mein leben in der DDR nachholen – 1990, als die mauer gefallen war: ein schulrat auf der insel rügen wies in den flur voller ex-stasi-mitarbeiter und teilte mir auf diese weise in einem fast stummen “kader-gespräch” mit, er hätte genug leute als lehrer unterzubringen, ich solle bitte dahin zurückkehren, wo ich hergekommen sei – meine reiserichtung sei absolut untypisch und nicht empfehlenswert. meine mutter schloss sich daraufhin einer damals akuten epidemie an: sie beging einen sogenannten bilanz-selbstmord. ein zweites mal war ich um die chance gebracht, “zonenkind” zu werden. habe ich wirklich viel verpasst? da das buch von jana hensel mich zu diesen gedanken angeregt hat – vielleicht ist es doch nicht so banal, wie man erst denkt?

    Comment by frizztext — 2010/01/25 @ 12:26 | Reply

  10. über DAS LEBEN DER ANDEREN
    ein Fragment zur Intellektuellen-Verfolgung in Deutschland …

    Man braucht diese DVD im eigenen Regal, um bloß nicht zu vergessen, worüber Deutsche ernsthaft nachzudenken hätten: Über Bespitzelung und Verrat an die Polizei, was des Verratens nicht wert wäre, hätte man Achtung vor Meinungsfreiheit. Was die Gestapo in der Hitlerzeit trieb, lebte als Stasi weiter in der DDR. Als deutsche Mentalität, mit nicht so ganz ausgefeilter Pedanterie und Technik, gab es dergleichen übrigens auch in Westdeutschland: Berufsverbote und die dazugehörigen Behördenflure und Einschüchterungen, endlose pedantischen Beobachtungen und höhnisch-hämische Schriftsätze. “Das Leben der anderen”, das Leben der Intellektuellen und Künstler, wurde von den Nazis gehasst und den Kommunisten – und soziale Schichtungen mit den üblichen Hass-Reaktionen gibt es auch in der BRD (und der ganzen restlichen Welt). Ein Film also nicht nur für “Ossis”, sondern über anthropologische Grundtatbestände. Die Uniformen mögen von Land zu Land anders aussehen. “Die Sonate vom Guten Menschen”, ein unterlegter Songtitel und wesentlicher Kern der Message dieses Filmes, könnte einen glatt wütend werden lassen: Wahrscheinlich gab es keinen einzigen IM, der seinen Opfern wirklich aus der Patsche geholfen hätte. Das ist das ärgerlich Illusionäre an diesem Film, der Gesten des Verzeihens ans “Happy” End stellt, wo eigentlich Wut und Rache hingehören. Beim Songtitel “IM Martha” (Christa-Maria Sieland, im Film dargestellt von Martina Gedeck, der Hauptdarstellerin unlängst im fröhlichen Kinowerk “Bella Martha”) – für sie stülpt sich zwar sicherlich das Herz um, für die anderen aber, die “tausend Augen” der “unsichtbaren Front”, für sie bricht dieser Film herein wie ein Justizverfahren, das es in Deutschland leider nie gegeben hat. Weder nach dem Ende der Nazi-Diktatur noch nach dem Abgesang des Honecker-Staates – noch nach dem Ausklingen der Berufsverbote in Westdeutschland. Der Staat klagt seine Helfershelfer und Paladine niemals an. Es ist nötig, dass wir uns noch viel genauer auseinandersetzen mit Typen wie Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) oder dessen direkten Vorgesetzten, dem Leiter der Abteilung Kultur bei der Staatssicherheit Oberstleutnant Anton Grubitz (Ulrich Tukur) oder gar dem “hohen Tier” Minister Bruno Hempf (Thomas Thieme). Das schleimige Verzeihen, das Schauspieler Sebastian Koch schon im Albert-Speer-Film zu mimen hatte, das praktiziert er auch als bespitzelter DDR-Künstler Georg Dreyman. Die bedrohlich kriechende Musik ist die passende Mayonnaise zu dieser Welt, die man so weit zurückdrängen sollte wie möglich: Denn ihre Überreste bedrohen immer noch unsere geistige Freiheit, wenn auch nicht mehr in diesem perfekten, durchschlagenden Maße.

    Comment by frizztext — 2010/01/25 @ 13:06 | Reply

  11. […] Ernst Bloch – Deutsch […]

    Pingback by Rage « Flickr Comments — 2011/01/26 @ 12:03 | Reply


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