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Einstein (de)

“Das Wesentliche im Dasein eines Menschen von meiner Art”, sagte Albert Einstein, “liegt in dem, was und wie er DENKT, nicht in dem, was er TUT oder ERLEIDET.”

Auf das Erleiden werden wir trotzdem kommen, aber zunächst zum WIE und WAS seiner Denkzielsetzungen – natürlich hier bewusst derjenigen, die neben, bzw. OBERHALB der Physik entstanden.

“DER FORTSCHRITT LEBT VOM AUSTAUSCH DES WISSENS.” Dieser Satz ist eine zentrale Kennzeichnung des von Einstein gewählten Lebens- und Kommunikationsstils. Neben seiner physikalisch-mathematischen bahnbrechenden Leistung wurde er nämlich in den USA zu einer hochbekannten publizistischen Figur, was die Haltung zum Faschismus anbetraf, zu den Methoden des Widerstandes, zur Rechtfertigung der Atombombe – und zur nötigen demokratisierten Kontrolle ihrer gewaltigen Vernichtungskraft.

“Mit welcher Richtung würden wir wohl denken, wenn wir nicht gleichsam in Gemeinschaft mit anderen dächten, denen wir unsere und die uns ihre Gedanken mitteilen…” formulierte die kongeniale jüdische Philosophin Hannah Arendt [Hannah Arendt 1906-1975].

So suchte sich Einstein im Sinne des ebenfalls genialen Mathematikers Pascal seine Diskussionspartner. Pascal hatte gespöttelt: “Geist und Gefühl bildet man durch Gespräche, Geist und Gefühl verdirbt man sich durch Gespräche.” Einstein suchte den Kontakt zu Sigmund Freud in einem Briefwechsel vom 30. Juli 1932, in dem er sich nach der Freudschen Einschätzung einer Beherrschbarkeit des Aggressionstriebes gerade auch innerhalb der Intelligentia eines Volkes erkundigte… [Albert Einstein, Sigmund Freud, „Warum Krieg?“. Diogenes Verlag AG, Zürich. 1972, 1996. ISBN 3-257-70044-X]

1914 hatte Einstein einen Aufruf gegen den Kriegseintritt verfasst. Es unterschrieben nur 4 Professorenkollegen. 93 bekannte Professoren drückten demgegenüber in einer hochgelobten Unterschriftenliste ihre Begeisterung für den ersten Weltkrieg aus. Einsteins Pazifismus und seine Verehrung für Mahatma Gandhi waren im Gegensatz zu seinen physikalischen Forschungen in Deutschland niemals gefragt. “Es ist schwieriger ein Vorurteil zu zertrümmern als ein Atom…” (A.E.)

Seine Freunde versuchten ihn mit Zuwendung und persönlich gestalteter Atmosphäre im Vorkriegs-Deutschland zu schützen. Manchmal spielten Einstein (Geige) und Max Planck (Klavier) abends gemeinsam Beethoven. “Indem ich einige Konventionen ignorierte, vermochte ich für mich eine Atmosphäre zu schaffen und alles zu vermeiden, was von der Arbeit abhält…”

Einstein mutete sich den Kontakt zu seinen Berliner Professorenkollegen und Studenten jedoch noch sehr, sehr lange zu: 1920 wurde in der Berliner Philharmonie eine Kundgebung veranstaltet gegen die Relativitätstheorie, die in antisemitischen Morddrohungen endete. Bald wurde sogar zweimal in einer Berliner Zeitung zum Mord an Einstein aufgerufen! Einen Höhepunkt fand der damalige politische Terror mit der Ermordung Erzbergers und des Außenministers Rathenau.

Als die Zustimmung zu Hitler wuchs, nahm Einstein eine Schallplatte auf. NIETZSCHE sei hier einmal ganz ungewohnt eingeflochten mit seiner Bemerkung: “Die wertvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden, aber die wertvollsten Einsichten sind die Methoden.” Zur interessanten Methode, vor der Erfindung des Fernsehens immerhin schon auf die Idee zu kommen, eine Schallplatte aufzunehmen mit Statements statt mit Musik – der Schallplattentitel ist “Mein Glaubensbekenntnis”. Es ist Herbst 1932 – die Weimarer Demokratie steht kurz vor ihrem Ende:

Auszug aus dem auf dem Tonträger knisternd zu hörenden Text (mein Dank geht hier an Otto Lenk, der die Stelle ausfindig machte): “…. nach Wohlleben und Luxus strebte ich nie und habe sogar ein gut Teil Verachtung dafür. Meine Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit hat mich oft in Konflikt mit den Menschen gebracht, ebenso meine Abneigung gegen jede Bindung und Abhängigkeit, die mir nicht absolut notwendig erschien. Ich achte stets das Individuum und hege eine unüberwindliche Abneigung gegen Gewalt und Vereinsmeierei. Aus allen diesen Motiven bin ich leidenschaftlicher Pazifist und Antimilitarist. Ich lehne jeden Nationalismus ab, auch wenn er sich nur als Patriotismus gebärt. Aus Stellung und Besitz entspringende Vorrechte sind mir immer ungerecht und verderblich erschienen, ebenso ein übertriebener Personenkult…”

“…ich bin zwar im täglichen Leben ein typischer Einspänner, aber das Bewusstsein, der unsichtbaren Gemeinschaft derjenigen anzugehören, die nach Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit streben, hat das Gefühl der Vereinsamung nicht aufkommen lassen.”

Die Schallplatten- (und Radio-) Benutzung als individuelles, piratenhaftes Gegensteuerungsmittel zur von Staatslenkungen leider immer perfekter manipulierten öffentlichen Meinung, – sie erscheint mir wegweisend wie die Erfindung des Buchdruckes oder diejenige des Internets. Johannes Gutenberg (1400-1468) schenkte uns die technische Verwirklichung des maschinellen Druckens und nahm endlich den duckmäuserischen Abschreibe-Mönchen das Produktionsmonopol für Meinungen aus der Hand. Der Gutenberg der Neuzeit, unser Zeitgenosse BILL GATES, müsste Einsteins Schallplattenidee kongenial zu seiner Internetidee einstufen. Bill Gates unterfütterte den Ausbau seines “world wide web” mit den worten:

“Bisher hatten Journalisten ein Monopol auf die Vermittlung von Nachrichten. Computer wurden als isolierte Einzelgeräte genutzt. Im Datennetz kann jedoch jeder online-Anbieter Nachrichten verbreiten. Kommunikation ist die “Killer-Applikation” des PC. Jeder kann im Netz seine eigene Zeitung herausgeben und seine eigenen Sendungen produzieren… via Datennetz werden erheblich mehr Menschen als heute an der Verbreitung von Nachrichten beteiligt sein. Die Datenautobahn wird zum wichtigsten Werkzeug der Demokratie, das jemals erfunden wurde….”

Es sei hiermit einmal exemplarisch die Chance zwischendurch ergriffen, die Einstein-Website der seit dem 11. September 2001 ins Gerede gekommenen Technischen Universität Hamburg-Harburg zu zitieren (die wirklich sehr, sehr gut ist), und zwar mit einer Einstein´schen Bemerkung zur Atmosphäre in seinem Münchner Luitpold-Gymnasium: “Mir scheint es das Schlimmste, wenn eine Schule prinzipiell mit den Methoden der Angst, der Gewalt und der künstlichen Autorität arbeitet. Solche Behandlungsmethoden zerstören die gesunden Gefühle, die Aufrichtigkeit und das Selbstvertrauen der Schüler. Damit produziert man den unterwürfigen Untertan…”

Im Januar 1933 kam Hitler an die Macht. Einstein war auf einer Vortragsreise im Ausland. “Konsequent zu sein ist die größte Obliegenheit eines Philosophen und wird doch am seltensten angetroffen…” schrieb Immanuel Kant. Einstein war konsequent. Er kehrte nie wieder nach Deutschland zurück, lebte zunächst ein halbes Jahr in Belgien und zog dann in die USA nach Princeton. Er beobachtete Hitler-Deutschland aus der Ferne und zweifelte zunehmend an seinem Pazifismus.

“Bis 1933 habe ich mich für die Verweigerung des Militärdienstes eingesetzt. Als aber der Faschismus aufkam, erkannte ich, dass dieser Standpunkt nicht aufrechtzuerhalten war, wenn nicht die Macht der Welt in die Hände der schlimmsten Feinde der Menschheit geraten soll. Gegen organisierte Macht gibt es nur organisierte Macht; ich sehe kein anderes Mittel, so ich es auch bedaure.”

Hier ist Einstein deckungsgleich mit Machiavelli. Einstein wusste, die wissenschaftlichen Voraussetzungen zum Bau einer Atombombe waren im Nazi-Deutschland geschaffen durch Otto Hahn (1879-1968). Einstein drängte die amerikanische Regierung zur Entwicklung der Atombombe.

Als die USA zu Kriegsende über Hiroshima und Nagasaki zwei Atombomben abwarfen, war Einstein erschüttert. Ab sofort setzte er sich für Rüstungskontrollgespräche ein: “Der übernächste Krieg wird nur noch mit Pfeil und Bogen entschieden…” “Die Rüstungsindustrie ist in der Tat eine der größten Gefährdungen der Menschheit…” “Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben…”

1955 starb Einstein in Princeton. Seinen wissenschaftlichen Nachlass vererbte er der hebräischen Universität in Jerusalem. Ein letztes, nicht Physik-bezogenes Einstein-Zitat: “Das schönste, was es in der Welt gibt, ist ein leuchtendes Gesicht…”

5 Comments »

  1. Albert Einstein

    Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:09 | Reply

  2. per e-mail:
    A
    ursula winter: …About Einstein? I heard last night a discussion on science and its pursue of evil at times … Should the Atomic bomb have been dropped? They said it “closed a door and opened a long tunnel”. Science and questions and answers can not be prevented, but what if it gets into the wrong hands?
    B
    marvin chlada: … Bei Einstein sind mir noch zwei Dinge eingefallen: wie Deschner, war Einstein ein eifriger Verfechter einer vegetarischen Lebensweise (zumindest – das zeigt ja auch der Bezug zu Gandhi – wollte er das Leid der Tiere gleichsam verringern). Ebenfalls interessant finde ich, dass Einstein einen Text verfasst hat, der fast nirgends erwähnt wird: “Why Socialism?” – der Text ist insofern wichtig, da Einstein klar macht, dass Sozialismus nicht gleichbedeutend mit “Planwirtschaft” sei und er nicht nur eine überaus orginelle Ethik in diesem Text entwickelt, sondern gleichsam sein Menschenbild darlegt.
    C
    birgit-marie nessel: … und ich schlug zu allererst Einstein auf. Stieß auf Bekanntes und dachte in Folge daran, wie viele geniale Denker doch voller Widersprüche steckten bzw. stecken. So auch Einstein, der beleidigt war, als er ausgemustert wurde. Aber ein grosser Denker ohne Widersprüche ist oder war wohl auch keiner. Weitere Gedanken in Folge Deiner Zeilen folgten, so auch zu Freud, denn auch ich habe dieses klitzekleine Büchlein mit Einsteins Frage an Freud gelesen. Eine ganz neue Sichtweise für mich, diese Verflechtungen von Themen und Hinweisen, die ich als gut gelungen empfinde.
    D
    sabine balzer: … “das schönste, was es in der welt gibt, ist ein leuchtendes gesicht” …
    E
    klaus grunenberg: … Einstein gehört dazu, wie Seneca oder Sokrates, Nietzsche … gewiß aber auch Augustinus, dieser eigenartig funkelnde Stern unseres Kulturkreises, der dem christlichen Glauben den Einstieg ins Gedächtnis und (warum nicht?) in die Seele von uns Lebenden ermöglichte, oder Jesus, oder Laotse. Ob die Frucht dieser Menschen ein Segen für unsere Zukunft oder ein Fall für die Psychatrie ist (war), wer wagt das zu behaupten…

    Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:57 | Reply

  3. EINSTEIN Aphorismen sehr beliebt …

    Pingback by Gegen den Strich gedacht … « on how to philosophize — 2010/01/23 @ 06:25 | Reply

  4. […] links: Albert Einstein German essay by frizztext LD_AddCustomAttr("AdOpt", "1"); LD_AddCustomAttr("Origin", "other"); […]

    Pingback by War « Flickr Comments by FrizzText — 2011/09/30 @ 14:46 | Reply


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