“Die geistige Situation der Zeit” wurde zwar vor genau 70 Jahren zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt, aber das Verblüffende ist, dass dieser Text von Karl Jaspers immer noch hochaktuell ist. Die quasi vor-satellitenhafte Flughöhe seiner Abstraktion, sein wahrlich nicht feiges und prägnant formuliertes Urteilen, – dies macht seinen Text auch heute noch zu einer aufregenden Lektüre – wenn man genügend Esprit besitzt, die Jasperschen Allgemeingültigkeiten auf die konkrete eigene Lebenssituation zu beziehen. Wem geraten nicht Menschen des eigenen Lebensumfeldes ins Auge, wenn er liest: “Die Herrschaft des Apparats begünstigt die Menschen, welche … ohne Muße unbesinnlich leben, schlaflos von ihrem Vorwärtswollen behext sind. Weiter ist die Gewandtheit, sich beliebt zu machen erfordert. Man muß überreden, ja bestechen, – dienstfertig sein, unentbehrlich werden, – schweigen, hintergehen, … bescheidene Gebärde zur Schau tragen, … Arbeit zu Gefallen des Vorgesetzten leisten, – keine Selbständigkeit zeigen…” etc.: dieses Buch könnte letzte Woche geschrieben sein! Ob seine Forderung an uns – mehr Mut zum Selbstsein, zur “Authentizität”, zum unabhängigen Urteilen und zum Sich-selbst-die-Ziele-Setzen – ob diese Forderungen wenigstens morgen (oder über-übermorgen) beginnen, eingelöst zu werden?
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Jaspers hat zwar nicht in dieser Burg gewohnt, auch das protestantische Kirchenlied “Ein feste Burg ist unser Gott” dürfte nicht in seinem Repertoire gewesen sein, vielleicht kannte er aber den Britischen Begriff der “splendid isolation” – zumindest aber hat er sich erfolgreich in einem solchen Sinne verhalten. Entnervt verließ er nach 1945 Deutschland, das ihn und seine Frau so sehr tyrannisiert hatte und übernahm eine Professur jenseites der Grenze: in Basel. Von dort schrieb er das Buch “Wohin treibt die Bundesrepublik” – was ihm viel Gemecker bescherte. Die Umerziehung der Deutschen zu einem demokratischen Volk, das Intelligenz nicht am liebsten dem KZ zuführt, war ein zähes Unterfangen. Jaspers darin (in einer Zeit, den 60ern, in der ich mühselig versuchte, den Wehrdienst zu verweigern) – Jaspers war darin meine “feste Burg”.
Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:16 |
per e-mail:
andreas weis: … Jaspers ist für mich ein ehrlicher Kontrast zu den Irrwegen des Wendehalses Heidegger. Der Existenzialismus als Philosophie spricht mich sehr an. Auch bei Heideggers “tiefgründigen ontologischem Geraune” sind interessante Erkenntnisse enthalten, wenngleich mich die Anthropologie von Jaspers als fundiertere, weniger abgehobene Position, wesentlich mehr interessiert. Heideggers Philosophie besitzt keine explizite Ethik. Ihr größtes Minus.
Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 11:32 |
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