Liest man aufmerksam das Buch Rüdiger Safranskis zu Heidegger, entdeckt man manch Fragwürdiges an diesem zwar völlig humorlosen, aber vielleicht dennoch berühmtesten deutsch-sprachigen Denker. Fragwürdig nicht nur, dass er allzu mitgerissen auf die Aufbruchsstimmung des 1000jährigen Reiches reagierte – Safranski stellt auch detailgenau dar, wie Heidegger versuchte, während der Nazizeit die ganze deutsche Hochschullehrerschaft unter seine zensierende Kontrolle zu bringen. “Heideggers Denkungsart, die mir ihrem Wesen nach unfrei, diktatorisch, communikationslos erscheint, wäre heute in der Lehrwirkung verhängnisvoll,” – so quittierte denn auch laut Safranski der Philosoph Karl Jaspers in einem Entnazifierungsgutachten des Jahres 1945 das mehr als peinliche Engagement. Heideggers Berufskollegen Edmund Husserl, Edith Stein, Elisabeth Blochmann oder seine Ex-Geliebte Hannah Arendt – sie zeigten sich tief entsetzt über die Korrumpierbarkeit Heideggers. Man muss Safranski übrigens zugute halten, dass er nicht nur Aspekte des Heideggerschen Charakters und einer gewissen Zickzack-Biographie herausschält, sondern dass er auch mit sehr viel Einfühlungsvermögen nachvollziehen lässt, wieso sich Heidegger vom Katholizismus abwandte (nach mehreren Demütigungserlebnissen) – und sich dem religionskritischen Nationalsozialismus zuwandte. Rüdiger Safranskis Buch-Titel-Idee für seine Heidegger-Biografie “Ein Meister aus Deutschland” klingt natürlich unüberhörbar an Celans “Todesfuge” an, die das Konzentrationslager mit der ewig wiederholten Zeile “ein Meister aus Deutschland” unvergessen machte… Trotz aller, heutzutage völlig unakzeptierbarer Manöver, die uns bei der Betrachtung dieses damals entschlossen-nationalstolzen Philosophen begegnen, – trotz allem versucht Safranski zu beschreiben, wo die Bedeutsamkeit dieses andernorts wiederum enthusiastisch als wichtigsten Existenz-Philosophen gefeierten Heidegger liegen könnte. Für den Einsteiger sind Heideggers Originalschriften wegen der dort entwickelten eigenbrötlerischen Sondersprache wenig zu empfehlen. In Safranskis Überblick jedoch erschließen sich die durchaus vernünftigen Grundgedanken Heideggers zügig: Die “Zeitlichkeit” des Menschen als seine Grundbefindlichkeit wird gut in den Blick gerückt, dass Angst und Zweifel, Langeweile und Sinnlosigkeitserlebnisse als Erkenntnis-Anstöße zu produktiven Lebensstil-Wechseln avancieren können, wird einleuchtend, Heideggers Sondersprache in Normalausdrücke übersetzend, dargestellt. Resümee: Safranskis Buch, es lohnt sich zu lesen – damit man genau weiß, wovon man so häufig doch spricht …
3 Comments »
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Comment by frizztext — 2010/01/18 @ 18:14 |
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A
helga rauh: …Allerdings finde ich, dass die Denker, die Du mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringst, auch mal was Gutes gesagt und Gedankengänge aufgezeichnet haben, die nachvollziehbar sind. …
B
margarete: Sprache sehe ich als Mittel zum Zweck, und drückt die Intentionen des “Individuums” aus. Es liegt ebenso an der Intention des Betrachters wie gesprochene oder geschriebene Spache verstanden wird. Du zitierst Heidegger:..” das wider-, ohne-einander sein, das aneinander vorbeigehen, das einander-nichts-angehen sind mögliche weisen der fürsorge. und gerade die zuletztgenannten und die defizienz und indifferenz charakterisieren das alltägliche und durchschnittliche miteinander…” Sprache ist schon ein Teil des Handelns.
C
frank semper: …Heidegger kommt nicht gut weg, wen wunderts, die persönlichen Verfehlungen haben auch die Denkansätze entwertet ( Urteil: “durchschnittlich”) …
D
michael schmidt-salomon: …”Die Beharrlichkeit der Philosophen” habe ich auch bereits gelesen… Ein wirklich origineller Zugang zur Philosophie! Natürlich habe ich (als alter Heidegger-Verächter) mich besonders über ihre bissige Darstellung Heideggers gefreut, den Sie in wunderbar echtem, d.h. ungünstigen Licht darstellten! ;-))
E
michael murauer: … Frizz liebt die Beharrlichen unter den Philosophen, nicht die Unbelehrbaren (Heidegger).
Comment by frizztext — 2010/01/19 @ 10:59 |
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